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Bild: Charl Folscher via Unsplash

Yogasutra von Patanjali: Sutra für Sutra erklärt

Von Katharina Goßmann

Achtung: Dieser Artikel ist ein Work-in-Progress. Regelmäßig werden wir an dieser Stelle weitere Verse des Yogasutra von Patanjali vorstellen – und irgendwann wirst du hier eine umfassende Erläuterung der 195 Verse finden.

Aber lass uns doch ganz entspannt am Anfang beginnen...

Das Yogasutra von Patanjali: 195 Verse in vier Kapiteln

Es gibt kaum eine YogalehrerInnen-Ausbildung, in der die Yogasutren keine tragende Rolle spielen. Zu Recht: Der Gelehrte Patanjali fasst in den 195 knappen Versen die Essenz des Raja Yoga (klassischer Yogaweg, der die Beherrschung des Geists als Fokus hat) auf so universelle, zeitlose und klare Art zusammen, dass es immer wieder erstaunt, dass der Text um die 1700 Jahre alt ist. Wenn du noch mehr zu Patanjali und der Yogasutra wissen willst, empfehlen wir dir unseren Artikel „Freisein mit Patanjali – die Yogasutra”.


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1. Kapitel: Samadhi Pada

Das erste Kapitel widmet sich den Aspekten des Geists. Patanjali beschreibt die unterschiedlichen Stufen des Bewusstseins und auch die unterschiedlichen Ebenen des „Überbewusstseins”, Samadhi – ein anderes Wort für den Zustand des Yoga. Im Zuge dessen definiert er nicht nur, was Yoga ist, sondern beschäftigt sich auch mit der Natur unserer Gedanken und damit, wie wir sie beherrschen können bzw. welche Hindernisse uns dabei im Weg sind und wie wir diese überwinden.

Und nun geht es zur Sache...

Sutra 1.1: Yoga ist Jetzt

Kapitel 1, Vers 1:

अथ योगानुशासनम्
atha yoga-anushasanam

Übersetzung:

  • atha: jetzt, nun
  • anusasana: häufig als „Erklärung”, „Auslegung” interpretiert, aber auch: das, was aus Erfahrung entsteht

→ Jetzt Yoga – eine Einführung in die Erfahrung.

Auf den ersten Blick wirkt der erste Vers wie eine reine Einleitungsflokel, etwa: „Jetzt folgt eine Erklärung von Yoga”.

Tatsächlich aber ist im ersten Wort schon eine der basalsten Erkenntnisse des Yoga, ach, des Lebens, enthalten: Yoga ist Jetzt. In dem Sinne, dass Yoga nur dann Yoga ist, wenn du es achtsam ausführst, also im aktuellen Moment wirklich anwesend bist. Aber auch in der Hinsicht, dass Yoga in jedem Moment für dich da ist, dass du Yoga jederzeit praktizieren kannst, egal, wo du bist, egal, was sonst los ist. Und – last but definitely not least – auch im Hinblick auf die tiefe Erkenntnis, dass alles, was wirklich zählt, im Jetzt passiert, dass es nichts gibt außer den gegenwärtigen Moment.

Noch interessanter ist der Begriff „anusasana”. Denn er beschäftigt sich mit einem Aspekt, der nicht nur für den Yogaweg essenziell ist: Yoga lässt sich nicht denkend verstehen, es kann auch nicht mit intellektuellen Argumenten widerlegt werden, sondern muss von jedem Einzelnen ERFAHREN werden. Und das geht nur über eine aktive Praxis. Sriram (s. Quellen, 1.) schreibt hierzu sehr treffend: „Insofern kann die Gültigkeit dieser Aussagen genauso wenig intellektuell überprüft werden wie die Frage, ob ein Apfel den Hunger stillt oder nicht.” Und auch das gilt für das ganze Leben: Du kannst zwar über das Leben nachdenken, aber du wirst die Essenz der menschlichen Existenz niemals intellektuell erfassen können. Das Leben wird nur der verstehen, der es lebt, der sich mutig und in tiefem Vertrauen in den Fluss des Lebens hineinstürzt.

In dieser Folge unseres YogaEasy-Podcasts spricht Kristin Rübesamen mit Sriram über die Yogasutra:

Sutra 1.2 bis 1.4: Was passiert, wenn du im Zustand des Yoga bist – und was, wenn nicht

Kapitel 1, Vers 2:

योगश्चित्तवृत्तिनिरोध
yogaś citta-vṛtti-nirodhaḥ

Übersetzung :

  • citta: Geist, Verstand, das meinende Selbst
  • vṛtti: Gedanken, das, wodurch der Geist/das meinende Selbst sich ausdrückt
  • nirodhaḥ: zur Ruhe kommen, beenden, kontrolliert bzw. beherrscht werden – auch einer der fünf Zustände des Geists, und zwar der höchste und am schwierigsten zu erreichende, sprich: „ohne Gedanken”

→ Yoga beherrscht die Gedanken des Geists.

Beim zweiten Vers des ersten Kapitels handelt es sich um das wohl bekannteste und beliebteste Sutra von Patanjalis Standardwerk. Kein Wunder: Hier geht es um die Definition von Yoga. Denn laut Patanjali ist Yoga genau das, was dieser zweite Vers aussagt: DIE Methode, um die unzähligen Gedanken, die unser Geist ständig produziert, endlich zur Ruhe zu bringen. Das Ziel von Raja Yoga ist es, den Geist zu kontrollieren – und wer diese hohe Kunst erlernt, erlangt den Zustand des Yoga.

Meine Lieblingsübersetzung dieses Verses lautet übrigens: „Im Zustand des Yoga kommen die Bewegungen des Geists zum Stillstand.” Eine herrliche Vorstellung... 

Kapitel 1, Vers 3:

तदा द्रष्टुः स्वरूपेऽवस्थानम्
tadā draṣṭuḥ svarūpe-'vasthānam

Übersetzung:

  • tada: dann, in diesem Zustand
  • drasta: das sehende Selbst, das wahre Selbst – entspricht dem Begriff des „Purusha” = Seele/Bewusstsein/Urwesen aus der Sankhya-Philosophie, entspricht auch dem, was im Rahmen von Meditation innerer Zeuge, innerer Beobachter genannt wird
  • svarupe: in der eigenen Form
  • avasthana: das Verweilen, das Auftreten

→ In diesem Zustand tritt das wahre Selbst in der eigenen Form auf.

„Tada” bezieht sich auf den Zustand des Yoga, der im vorhergegangenen Vers angesprochen wird: Die innere Einheit, die erreicht wird, wenn der Geist endlich still wird. Wenn also dieser Zustand des Yoga erreicht wird, zeigt sich dein wahres Selbst – und du kannst es sehen, es erkennen. Du identifizierst dich nicht mehr mit deinen Gedanken oder Gefühlen, verwechselst dich nicht mehr mit deinen äußeren Merkmalen, sondern erkennst das Höchste in dir, deine unantastbare, ewige Essenz. Klingt fantastisch, oder?

Kapitel 1, Vers 4: 

वृत्ति सारूप्यमितरत्र
vr̥tti sārūpyam-itaratra

Übersetzung:

  • vrtti: die Bewegungen/die Tätigkeiten – oft interpretiert als die innere Bewegungen, als Bewegungen des Geistes
  • sarupya: ähnliche Form
  • itaratra: in anderen Situationen

→ In anderen Situationen bringen die Bewegungen des Geists eine ähnliche Form (von drasta, den wahren, höchsten Selbst) hervor.

„Itaratra” = „in anderen Situationen” bezieht sich wiederum auf den in Sutra 1.2 thematisierten Zustand des Yoga. Und zwar in Hinblick darauf, was passiert, wenn Menschen sich nicht in diesem Zustand befinden, sondern „in anderen Situationen”: Dann nämlich, wenn die Vrtti, also seine geistigen Bewegungen, ihn in eine „ähnliche” Form bringen. 

Der Mensch ist dann also nicht mehr drasta (s. Sutra 1.3), sein wahres Selbst, sondern identifiziert sich mit den „Bewegungen des Geists”, sprich: seinen Gedanken und Gefühlen. Die Wahrnehmung ist in diesem Fall nicht mehr klar, sondern getrübt. 

Eine „ähnliche Form” wie das wahre Selbst – das klingt erst mal ziemlich harmlos. Was aber bedeutet es, wenn unser wahres Selbst getrübt wird von unseren Gefühlen und Gedanken? Es bedeutet, dass wir nicht mehr das wahrnehmen können, was ist – ohne Interpretation und Bewertung –, sondern dass wir stattdessen die Welt verzerrt erfahren. Dein Partner kommt nicht pünktlich zum Date? Ganz klar, er liebt dich nicht! Dein kleiner Sohn schüttet ein Wasserglas um? Das hat er gemacht, um dich zu ärgern! Aus gänzlich harmlosen Situationen, die du einfach annehmen könntest, wie sie sind (oder wenigstens durch Stau oder altersgerechte Ungeschicklichkeit erklären), kann deine Interpretation, also deine innere Trübung, ein Drama machen – das dich unglücklich macht, deine Beziehungen verschlechtert und das Potenzial hat, deinen ganzen Tag zu ruinieren... Da bevorzuge ich persönlich eindeutig den Zustand des Yoga!

Sutra 1.5 bis 1.11: Die fünf Arten von Projektionen des Geists

Kapitel 1, Vers 5:

वृत्तयः पञ्चतय्यः क्लिष्टाक्लिष्टाः
vr̥ttayaḥ pañcatayyaḥ kliṣṭākliṣṭāḥ

Übersetzung:

  • vrttayah: grammatikalisch veränderte Form von vrtti, also wieder: die Bewegungen/die Tätigkeiten (des Geistes)
  • pancatayyah: fünf Arten
  • klista: unangenehm
  • aklista: angenehm

→ Es gibt fünf Arten von Bewegungen des Geists, manche sind angenehm, manche unangenehm.

Herrlich – endlich mal ein Vers, der ziemlich klar übersetzt werden kann! Bist du auch gespannt, welche fünf Zustände des Geistes Patanjali gleich aufzählen wird?

Kapitel 1, Vers 6: 

प्रमाण विपर्यय विकल्प निद्रा स्मृतयः
pramāṇa viparyaya vikalpa nidrā smr̥tayaḥ 

Übersetzung:

  • pramana: klare Wahrnehmung (Erkennen)
  • vipayaya: falsche Wahrnehmung (Verblendung)
  • vikalpa: Annahme/Vorstellung
  • nidra: Schlaf (s. Yoga Nidra)
  • smrtayah: grammmatikalisch veränderte Form von „smrti” = Erinnerung 

Und da zählt Patanjali auch schon auf, die fünf Geistestätigkeiten. In den folgenden Versen werden wir mehr über sie erfahren.

Kapitel 1, Vers 7: 

प्रत्यक्षानुमानागमाः प्रमाणानि
pratyakṣa-anumāna-āgamāḥ pramāṇāni

Übersetzung:

  • pratyakṣa: vor den Sinnen, direkte Wahrnehmung
  • anumāna: per Intellekt, Schlussfolgerung
  • āgamāḥ: was immer galt, aus glaubwürdigen Quellen Übernommenes
  • pramāṇāni: korrekte Wahrnehmung

→ Das korrekte Wahrnehmen basiert auf direkter Erfahrung, Schlussfolgerungen und anerkanntem Wissen.

Hier geht es jetzt also um die erste, in Vers 6 aufgezählte Geistestätigkeit – Pramana, die klare Wahrnehmung. Patanjali sagt, dass eine klare Wahrnehmung auf folgenden drei Faktoren fußt: direkten Erfahrungen, Schlussfolgerungen daraus und überliefertem Wissen. Wer sich seine Meinung also aufgrund von konkreten, eigenen Erfahrungen, logisch einwandfreien Schlussfolgerungen daraus und verlässlichen Quellen bildet, ist schon mal auf einem guten Weg. Nicht ganz uninteressant, dieses Sutra, für unser Zeitalter – in dem nicht wenige auf Social-Media-Posts, YouTube-Videos und populistisch-verkürzten Aussagen vertrauen.

Achtung: Patanjali sagt nicht, dass eine korrekte Wahrnehmung der Wahrheit entspricht. Schließlich war es früher Allgemeinwissen, dass die Erde eine Scheibe ist. Er meint damit nur, dass eine Wahrnehmung, die auf diesen Aspekten beruht, erst mal keine individuelle, problematische Trübung aufweist.

Kapitel 1, Vers 8: 

विपर्ययो मिथ्याज्ञानमतद्रूप प्रतिष्ठम्
viparyayo mithyā-jñānam-atadrūpa pratiṣṭham

Übersetzung:

  • viparyaya: verzerrte Wahrnehmung
  • mithyâ: falsch, täuschend
  • jñânam: Wissen
  • atad: nicht seiner eigenen
  • atadrûpa: nicht die wahre Form/Natur (rûpa: wahre Form/Natur)
  • pratishtham: verwurzelt

→ Eine falsche Interpretation wurzelt in falschem Wissen und verzerrter Beobachtung.

Nun geht es um den zweiten Geistestätigkeit aus Vers 1.6: um Viparyaya, die falsche Wahrnehmung. Denn eine korrekte Wahrnehmung fällt uns Menschen schwer. Wir alle sind geprägt durch unsere Konditionierungen, Vorerfahrungen, populäre Sichtweisen und psychisch-emotionale oder intellektuelle Scheuklappen. Nicht nur tragen wir alle falsches „Wissen” in uns, wir können auch kaum eine Situation ungetrübt (also nicht in ihrer wahren Form) wahrnehmen. Die Folge: Unsere Interpretation der Wirklichkeit ist oft fehlerhaft – sprich: viparyaya. Je mehr wir uns von Erwartungen, Prägungen, emotionalen Traumata und Bewertungen befreien, desto mehr können wir die wahre Natur des Lebens erkennen.

Kapitel 1, Vers 9: 

शब्दज्ञानानुपाती वस्तुशून्यो विकल्प
śabda-jñāna-anupātī vastu-śūnyo vikalpaḥ

​Übersetzung:

  • shâbda: Wort
  • jñâna: Wissen (s. Jnana Yoga)
  • anupâtî: folgend, sich ergebend
  • vastu: Wirklichkeit, Objekt
  • shûnyah: ohne, abwesend
  • vikalpah: Einbildung, mentales Konstrukt, Fantasie

→ Ein mentales Konstrukt basiert auf Wissen, das aus Worten entsteht und nicht aus der Wirklichkeit.

Das Sutra zur dritten Geistestätigkeit, Vikalpa, klingt erst mal etwas abstrakt – und hält doch eine wichtige Botschaft für unser „verkopftes” Zeitalter bereit: Glaube nicht, was du denkst! Denn auch wenn es in vielen Fällen  notwendig und hilfreich ist, sich Gedanken zu einer Situation, einem Problem zu machen – es ist unabdingbar, die eigenen intellektuellen Ausschweifungen nicht nur immer fest im Erleben und Erfahren zu verwurzeln, sondern auch mit der Stimme des Herzens zu ergänzen. Wer sein Leben nur auf intellektuellen Gedankenfolgen aufbaut, kämpft am Ende oft gegen die Wirklichkeiten der menschlichen Existenz – und wendet sich von der Urkraft Liebe ab. Beides hat noch nie zu Erfolg geführt.

Kapitel 1, Vers 10:
 

अभावप्रत्ययालम्बना तमोवृत्तिर्निद्र
abhāva-pratyaya-ālambanā tamo-vṛttir-nidra

Übersetzung:

  • abhâva: Abwesenheit, Fehlen
  • pratyayâ: Wahrnehmung, Eindrücke des Citta (s.o., das meinende Selbst)
  • âlambanâ: sich stützend auf, Grundlage
  • tamo: Trägheit (s. Tamas/die drei Gunas)
  • vritti: Bewegungen des Geistes
  • nidrâ: Schlaf, Tiefschlaf

→ Schlaf ist der träge Geisteszustand, in dem keine Eindrücke auf den Geist wirken.

Warum hält Patanjali Schlaf für einen aufzählenswerten Geisteszustand (Geistestätigkeit scheint hier das falsche Wort)? Weil laut Patanjali ja das Ziel von Yoga ist, die Gedanken vollends zu beherrschen (s. Vers 1.2, Nirodah), und er in seiner Aufzählung jeden Zustand, in dem wir das nicht tun, erfasst. Tatsächlich ist einer der faszinierendsten Aspekte der Yoga Sutra ihre analytische Schärfe und Klarheit. Muss vom Meditieren kommen...

Kapitel 1, Vers 1.11
 

अनुभूतविषयासंप्रमोष स्मृति
anu-bhūta-viṣaya-asaṁpramoṣaḥ smṛtiḥ

Übersetzung:

  • anubhûta: von Erfahrenem, aus Vergangenem
  • vishayâ: Gegenstand, Situation, Erfahrung
  • asampramoshah: wörtlich: „Nicht–Diebstahl“, das nicht verblasste/beseitigte
  • smrtih: Erinnerung

→ Erinnerung ist eine nicht völlig vergessene innere Wahrnehmung.

​Zuletzt definiert Patanjali kurz den fünften Geisteszustand – smrti, die Erinnerung.


Quellen:

1. „Patanjali. Das Yogasutra. Von der Erkenntnis zur Befreiung“ von R. Sriram, Verlag: Theseus, 1. Auflage 2006
2. de.ashtangayoga.info
3. www.yoga-allach.de
4. wiki.yoga-vidya.de
5. vedanta-yoga.de/yoga-sutra

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