Du verwendest einen veralteteten Browser (Unknown Browser 0.0) mit Sicherheitsschwachstellen und kannst nicht alle Funktionen dieser Webseite nutzen. Hier erfährst du, wie einfach du deinen Browser aktualisieren kannst.
Yoga in Ruanda
iStock und Ulrike Pape

Yoga in Ruanda

Von Ulrike Pape

Drei Jahre lang werde ich mit meiner Familie im afrikanischen Staat Ruanda verbringen. Als Yogalehrerin war mir schon vor meinem Umzug klar, dass ich meine Zeit in der Hauptstadt Kigali nutzen werde, um den ostafrikanischen Yoga zu erkunden. 

Meine Internet-Recherche ergibt, dass es in Kigali mit seinen fast 1,2 Millionen Einwohnern nur fünf Anbieter gibt. Studios gibt es kaum – die meisten unterrichten Yoga im Hotel, im Fitnessstudio, bei sich zu Hause im Garten oder auf der Terrasse. Oder auch im Rahmen einer Kunstausstellung, bei der die Matten unterm Tisch lagern und für den Unterricht einfach zwischen den Exponaten ausgerollt werden. An einigen privaten Schulen steht Yoga auch auf dem Stundenplan für die Kinder.

Das Ituze-Center – eine Yoga-Villa im Park

Als meine erste Anlaufstelle wähle ich ein Yogastudio namens Ituze aus, das unweit des Trubels der vibrierenden Innenstadt liegt. Ich bin gespannt: Wie sieht der Yoga hier aus – und wie fühlt er sich an, hier nahe des Äquators bei gleichbleibenden sommerlichen Temperaturen? Mit einer Bevölkerung, die vor 26 Jahren einen Genozid erlebte?

Ich erwarte nichts – bin dann aber doch überrascht, dass das Ituze in einer eleganten Stadtvilla mit Park alles zu bieten hat, was ein Studio nach unseren westlichen Ansprüchen braucht: zwei große Räume, einer davon mit Kronleuchter und Stuck an der Decke, viele Matten, diverse Hilfsmittel von Block über Meditationsbank bis hin zu Augensäckchen.

Der gepflegte Garten mit einigen Bänken lädt zum Verweilen und Innehalten ein. So setze ich mich um kurz vor acht Uhr morgens auf eine Bank dort im Garten und atme. Ich bin früh dran, der Unterricht beginnt um 8.15 Uhr – komplett sind wir aber erst eine halbe Stunde später, als die letzten Teilnehmerinnen durch die stets geöffnete Tür treten. Erste Lektion: Pünktlichkeit ist ostafrikanischen Yogis und Yoginis nicht so wichtig. Der US-amerikanischen Lehrerin Cecilia Beach aber wohl schon, denn die fängt trotzdem pünktlich um 8.15 Uhr an.

Cecilia ist seit knapp zwei Jahren in Kigali und wird bald zu ihrer Lehrtätigkeit als Französisch-Professorin in Alfred, New York, zurückkehren. Ihr Schwerpunkt ist der sanfte, achtsame Yoga, den sie am „Kripalu Center for Yoga and Health” in Massachusetts gelernt hat, sowie die Technik Breath-Body-Mind

Vor allem Letztere wendet sie beim Yoga in den Wohnstätten der Organisation AVEGA (Association des Veuves du Genocide Agahozo) an, in denen Hinterbliebene des Genozids leben. Zwischen 500.000 und einer Million Menschen starben damals von April bis Juli 1994, als die Hutus die Tutsis bekriegten. An das Grauen von damals erinnert heute eine einwöchige Gedenkwoche im April, in der die Ruander (seitdem wird nicht mehr zwischen Hutus und Tutsis unterschieden) angehalten sind, ihre Arbeit ruhen zu lassen, zu trauern, innezuhalten.

Mit ihrem ruandischen Yoga-Kollegen Joseph Dushimimimana hat Cecilia Beach im Vorgriff auf die Gedenkwoche Workshops an der Genozid-Gedenkstätte in Kigali angeboten. Zudem suchen sie jede Woche die landesweit vier Wohnstätten für Genozid-Hinterbliebene auf, um dort Breath-Body-Mind zu unterrichten. Die therapeutische Praxis, die klinische Psychiater entwickelt haben, besteht aus einer Kombination aus sanften Bewegungen mit Atemübungen und hilft, physische und psychische Herausforderungen wie Angst, Depression, Schlaflosigkeit, posttraumatische Belastungsstörungen und chronische Schmerzen zu lindern.

Yoga in Ruanda

 Cecilia Beach und Joseph Dushimimimana vor dem Ituze-Center

Traumasensibler Yoga: Statt Leichenstellung „Entspannungshaltung“

Für Cecilia Beach war die Arbeit mit den Genozid-Hinterbliebenen der Höhepunkt ihrer Zeit in Ruanda, wie sie berichtet: „Zu sehen, wie sich die älteren Menschen Woche für Woche sowohl körperlich als auch emotional entwickeln, war unglaublich befriedigend. Mit ihnen in liebevoller Gegenwart zusammenzusein, war jenseits aller Worte.“ So erzählten ihr die Teilnehmenden, dass sie sich besser bewegen, besser atmen und besser schlafen könnten. Sie fühlten sich zufriedener, ruhiger und entspannter. Und sie fühlten sich mehr miteinander verbunden, weniger einsam. Einige der lohnendsten Momente für sie waren, eine Frau zum ersten Mal nach mehreren Monaten des Trainings lächeln zu sehen, zu erfahren, dass jemand keinen Gehstock mehr braucht, um mit einem 103-Jährigen im Rollstuhl zu tanzen.

Ihre Erfahrungen mit den Genozid-Hinterbliebenen fließen merklich auch in den regulären Unterricht am Ituze-Center ein. So ist für Cecilia Beach jede ihrer Yogastunden im Grunde traumasensibel: „In jeder Klasse, die wir unterrichten, sollten wir uns darüber im Klaren sein, dass die Teilnehmenden möglicherweise an einer Form von Trauma leiden“. Auch wenn nicht alle vom Genozid betroffen waren oder eine posttraumatische Belastungsstörung haben, legt sie bei ihrem Unterricht Wert auf:

  • eine stets einladende Sprache anstelle von Befehlen
  • Wahlmöglichkeiten sowohl in der Sprache („wenn Sie möchten“, „vielleicht“, „wenn Sie bereit sind“) als auch in den Haltungen (Modifikationen, alternative Haltungen), sodass die Teilnehmenden sich in Kontrolle fühlen oder anfangen, das Gefühl zu entwickeln, dass sie die Kontrolle über ihr Leben haben könnten
  • Fokus auf Erdung und Körpergefühl, um die Verbindung zum Körper und seinen einzelnen Bereichen zu erspüren
  • wenig bis keine körperliche Hilfestellung, keine Berührung ohne Vorwarnung – Berührungen im Unterricht kennen die Ruander weniger – es empfiehlt sich daher nachzufragen, ob sie das möchten
  • auf bestimmte Ausdrücke achten: statt Shavasana oder „Leichenstellung” heißt es „Entspannungshaltung“
  • für Sicherheit sorgen: auf die Ausgänge zeigen, wenn sie nicht offensichtlich sind, offene Türen, das Licht anlassen
  • versuchen, mit Einfühlungsvermögen, Mitgefühl, Wärme, Beständigkeit und klaren Grenzen eine heilsame Beziehung und Vertrauen aufzubauen

Der Traum: Yoga und Achtsamkeit für Ruanda

Der amerikanische Achtsamkeits-Enthusiast Jon Freeman hat das Ituze-Center 2017 gemeinsam mit anderen  gegründet und verwirklicht so seine Vision, den Menschen in Kigali und Ruanda freien Zugang zu den Praktiken der Achtsamkeit und des Yoga zu ermöglichen. „Ituze“ bedeutet in Kinyarwanda (neben Englisch, Französisch und Suaheli einer der Sprache Ruandas) „Stille” und „Gleichmut”.

Die Idee zu Ituze entstand, als Jon Freeman einen ugandischen Mönch in seinem Achtsamkeitszentrum in San Francisco, Kalifornien, traf. Als Jon Freeman von dessen Zentrum erfuhr, das im ugandischen Entebbe Achtsamkeits- und Meditationspraxis anbietet, inspirierte ihn das, auch solch ein Zentrum für Achtsamkeit in Ruanda zu gründen: „Vor etwa zehn Jahren besuchte ich Ruanda und verliebte mich in das Land und seine Menschen. Als ich die Geschichten über das psychische Leiden hörte, das im Land immer noch gegenwärtig ist, beschloss ich, das Ituze-Zentrum zu eröffnen.”

Gleichzeitig lernte Jon Rachel Schmieder kennen, die aus Großbritannien kommend in Ruanda ansässig war und mit einer landwirtschaftlichen NGO, dem One Acre Fund, zusammenarbeitete. Sie war ebenfalls sehr daran interessiert, einen Weg zu finden, eine Gemeinschaft für Achtsamkeit in Ruanda zum Leben zu erwecken. Rachel Schmieder und Jon Freeman waren der festen Überzeugung, dass das Zentrum auf Spendenbasis betrieben werden sollte und seine Türen für jede und jeden öffnen sollte. Und so stehen am Eingang eine Box für freiwillige Spenden und ein Buch, in das sich die Teilnehmenden eintragen. Bis auf die beiden Hauptamtlichen Cecilia Beach und Joseph Dushimimimana arbeiten die anderen Lehrenden ehrenamtlich am Institut.

Zum ursprünglichen Team gehörte Phocas Mazimpaka, der 2007 seine Zertifizierung von „Anahata International“ erhalten und an der Universität von Ruanda in Huye eine starke Yoga-Gemeinschaft aufgebaut hatte. Als Überlebender des Völkermords konnte sich Phocas Matimpaka dank Yoga und Meditation von dem Trauma heilen und möchte seither seine Erfahrungen mit anderen Ruandern teilen. Joseph Dushimimimana, der ursprünglich Yoga von Phocas gelernt hatte, absolvierte das dreijährige Akademieprogramm des Africa Yoga Project in Nairobi, Kenia, und erhielt die Zertifizierung des Batiste Institute of Power Yoga. Joseph Dushimimimana sagt: „Yoga und Achtsamkeit haben mein ganzes Leben verändert. Ich lebe mein Leben mit mehr Bewusstsein, mehr Energie und verbesserter Gesundheitsqualität. Ich bin konzentrierter in dem, was ich tue, und genieße mehr Glück von innen heraus.”

Yoga-Unterricht – so vielfältig wie die Bevölkerung

Jeder Lehrer, jede Lehrerin bringt seither seinen oder ihren eigenen Stil mit ein ins Ituze-Center. Das Angebot an Yoga-Stilrichtungen ist so vielfältig wie die Bevölkerung in Kigali. Es kommen Ruander wie auch viele internationale Yogis, die berufsbedingt meist nur für eine begrenzte Zeit in Ruanda sind. Zusätzlich zum Unterricht in Power/Vinyasa Yoga (die meisten ruandischen Yogalehrenden haben sich durch das „Africa Yoga Project“ in Kenia ausbilden lassen) bietet Ituze auch Kurse in Kundalini und Ashtanga Yoga an sowie einen Mix aus Tai-Chi und Qigong. Daneben stehen spezielle Angebote wie Pränatal-Yoga, Yoga für Kinder und eine Klasse in Kinyarwanda auf dem Stundenplan. Ansonsten ist Englisch die überwiegende Unterrichtssprache. Es gibt auch einige Meditationsklassen: stille Meditation, Achtsamkeit, Vipassana- und Dhammakaya-Meditation. 

Etwa 100 Menschen haben im Durchschnitt bis zum coronabedingten Lockdown Mitte März 2020 pro Woche an Kursen teilgenommen. Dazu kamen etwa 200 Personen pro Woche in den sogenannten Outreach-Programmen. Der Yoga kommt zu ihnen, alleine schon, weil für die meisten der Besuch des Zentrums nicht möglich ist. Zielgruppen sind besonders Menschen mit Behinderung, ehemalige Straßenkinder in einem Rehabilitationszentrum und Mitarbeitende des Genozid-Gedächtnismuseums sowie Studenten verschiedener Universitäten.

Yoga in Ruanda

Ulrike Pape vor dem Lake Kivu

Seit diesem Jahr fließt nun auch mein persönlicher Yogastil in die ruandische Yoga-Community ein. Denn schon nach meiner ersten Stunde im Ituze fragte Cecilia Beach mich, ob ich sie in der nächsten Stunde vertreten möchte. Ich sagte sofort zu, und so stand meine erste Klasse in Ruanda bevor – auf Englisch. Ich war froh, dass ich bereits in Deutschland Yoga auf Englisch unterrichtet hatte und viele englischsprachige Yogastunden besucht hatte.

Von der Botschaftergattin bis zur Hausangestellten: Yoga verbindet

Meine erste Klasse widmete ich der Bedeutung von Yoga als verbindende Praxis und leitete einige Partnerübungen an. Zwei Amerikanerinnen sprachen mich gleich im Anschluss an, ob ich auch bei ihnen zu Hause Yoga unterrichten könnte. Ich fragte nach der Adresse, die sie mir erstaunlicherweise nicht nennen konnten – sie sprachen immer nur von „Residenz”. Erst später verstand ich, dass ich es mit der amerikanischen Botschaftergattin zu tun hatte und die Residenz des US-Botschafters gemeint war, gleich um die Ecke von der Botschaft.

So unterrichtete ich schon eine Woche später nicht nur als Vertretung im Ituze-Center, sondern auch beim US-amerikanischen Botschafter zu Hause auf der Terrasse. Dort machten neben seiner Gattin und ihrer persönlichen Assistentin auch die Hausangestellten mit, und ich durfte meine neuen, ebenfalls am Yoga interessierten Bekanntschaften dazu einladen.

Da einige Ruander keine eigene Matte hatten, begab ich mich auf die Suche nach Yogamatten in Kigali – und musste feststellen, dass es in Ruanda keine Yogamatten gibt (wie so einiges anderes). Eine Kollegin meines Mannes besorgte mir dann kurzerhand in Nairobi in Kenia Yogamatten. 

So habe ich dank Yoga viele unterschiedliche Menschen kennengelernt – von Yoga-Interessierten bis zu wirklich fortgeschrittenen Yogis. Viele Ruander haben schon von Yoga gehört und möchten es ausprobieren. Sie sind offen für alles und schenken mir ihr Vertrauen, was mich sehr freut. So schafft Yoga Verbindung und Kontakt zueinander.

Yoga während des Lockdowns

Mit dem Corona-Lockdown, der Ruanda (zeitgleich mit Deutschland) Mitte März erreichte, änderte sich das Unterrichten schlagartig. Das Ituze-Center bot während der Corona-Hochphase täglich Online-Klassen an, inzwischen gibt es auch vereinzelt wieder vor Ort Stunden mit begrenzter Teilnehmerzahl und den üblichen Hygiene- und Abstandsvorgaben. Ich habe in dieser Zeit Spenden-Yoga angeboten, um bedürftige Menschen in unserem „Village“ zu unterstützen, die aufgrund des Lockdowns keinerlei Einnahmen mehr hatten.

Ich hoffe, bald wieder persönlich unterrichten und an Yoga-Stunden teilnehmen zu dürfen – und noch tiefer einzutauchen in den ostafrikanischen Yoga.


Falls dir dieser Bericht gefallen hat, möchtest du vielleicht dieses private, deutsche Spendenprojekt für die Ärmsten der Armen in Kigali unterstützen: www.betterplace.me/privates-hilfsprojekt-in-ruanda

zurück nach oben