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Yin vs. Yang Yoga: Unterschiede im Unterrichten
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Yin vs. Yang Yoga: Unterschiede im Unterrichten

Von Dana Pukowski

Das daoistische Konzept der gegensätzlichen Pole Yin und Yang umfasst alles in unserer Welt. Yin und Yang sind Symbole für die Polaritäten unseres Lebens, die sich in Harmonie vereinen. Wenn Yin und Yang in Balance sind, entfaltet sich das wahre Potenzial dieses Lebens, dieser Welt.

Definitionen: Yin Yoga vs. Yang Yoga

Im Yin Yoga bearbeiten wir physiologisch unsere Faszien. Dafür werden Positionen lange gehalten, um eine Stimulation zu erreichen. Unsere Muskeln sind entspannt und unsere Gelenke statisch. Tatsächlich kannst du Gelenke in ihrer vollen Beweglichkeit trainieren. Wir wissen, dass auch unser Gewebe Ruhe erfahren muss, um sich regenerieren zu können. Zusätzlich motivieren wir unseren Parasympathikus, den Teil unseres Nervensystems, der für die Entspannung zuständig ist. Wir kommen runter, können entspannen. Kurz gesagt: Yin Yoga ist Stille, Langsamkeit, Dunkelheit, Einkehr, Entspannung.

Im Yang Yoga dagegen liegt der physiologische Fokus auf unseren Muskeln. Kraftvolle, dynamische Bewegungssequenzen mobilisieren, aktivieren und dehnen unseren Körper. Unsere Muskeln sind kontrahiert und unsere Gelenke mobil. Wir wissen eben auch, dass Körpergewebe Stress ausgesetzt werden muss, damit es nicht degeneriert. Kurz gesagt: Yang Yoga ist Aktivität, Kraft, Dynamik, Wärme, Spannung.

Diese Aufzählung zeigt schon: Dein Körper braucht sowohl Yin- als auch Yang-Aktivität, um sich rundum wohlzufühlen und ein Gleichgewicht herzustellen. Aber was unterscheidet eigentlich unsere Arbeit als Yogalehrer in den beiden Stilen?

Die Unterschiede beim Unterrichten von Yin und Yang Yoga

Als Yogalehrerin für Vinyasa und Yin Yoga bewege ich mich in beiden Welten. Letztlich ist es Yoga, und trotzdem unterscheidet sich das Unterrichten in einigen wesentlichen Aspekten. Das fängt schon damit an, dass ich beim Yin Yoga immer in dicken Wollsocken auftauche und in einem Berg aus Hilfsmitteln versinke. Beim Yang Yoga hüpfe ich meistens voller Energie in den Raum, geschmückt mit einem strengen Zopf, der meine wilde Mähne bändigen soll, um selbst in Bewegung noch einen klaren Durchblick zu haben. Und klar, die Auswahl des Outfits fällt beim Yang Yoga jetzt auch nicht gerade auf die Kartoffelsack-Kombination.

Abgesehen vom Gesamtkunstwerk gibt es fünf Aspekte, dich sich definitiv unterscheiden:

1. Deine Energie als Yogalehrer: Präsenz vs. Background

Beim Yin Yoga ist meine Energie umarmend, beruhigend, weniger aufdringlich, einrahmend. Unterrichte ich Meditation oder Yin, ist meine Stimmfarbe fast monoton, gleichklingend, farblos, ohne Höhen und Tiefen. Meine Stimme soll dich nicht ablenken, zurück in den Raum holen, sondern dich in die Tiefe geleiten. Meine Bewegungen sind ruhig, langsam, fließend. Und es gibt immer den Moment, in dem ich mich ganz zurückziehe. Und diese Eigenschaft ist unglaublich wichtig als Yin-Yogalehrerin. Auch du musst in der Lage sein, die Stille zu ertragen, zu fühlen, wann es Zeit ist, nichts mehr zu sagen. Das kommt natürlich auf den Fortschritt deiner Teilnehmer an, aber das ist das Ziel – dass du dich mehr und mehr zurückziehst als Lehrer. Warum? Damit deine Schüler ihre eigenen Erfahrungen machen; damit Yoga das sein kann, was es ist: eine Erfahrungswissenschaft.

Beim Yang Yoga sind dagegen Präsenz und Klarheit wichtig, um deine Teilnehmer durch eine kraftvolle und dynamische Praxis zu führen. Es ist deine Aufgabe, die Energie zu spüren, die Aufmerksamkeit deiner Schüler zu halten, wenn es nötig ist, und sie loszulassen, um die Spannung wieder gehen zu lassen. Arbeite mit deiner Stimme, mit den Höhen und Tiefen, variiere die Geschwindigkeit. Führe sie entlang der Energiekurve durch deine Sequenz. Lass sie arbeiten, aber signalisiere ihnen auch, wann sie den Blick nach innen richten können. Deine Präsenz zeigt sich auch in deiner Körperhaltung, deiner Aufmerksamkeit, der Worte, die du wählst. Du stehst mehr im Mittelpunkt, als dir vielleicht manchmal lieb ist, und trotzdem geht es nicht um dich, es geht nicht auch nicht um Entertainment. Aber natürlich hilft ein Quäntchen Entertainer, und Charisma schadet auch nichts.

2. Deine Stunden-Sequenzierung: Komplexität vs. Minimalismus

Paul Grilley, quasi der Papa des Yin Yoga, erwähnt 18 Grundpositionen. Nur 18 Grundpositionen! Klar gibt es wundervolle Variationen mit und ohne Hilfsmittel, und natürlich gibt es auch eine Auswahl an Yang-Asanas, die du beim Yin Yoga zum Stabilisieren oder Überschreiben einbauen kannst. Aber ganz ehrlich: Wahnsinnig viel Spielraum für mannigfaltige Stunden-Sequenzen und kreative Yin-Flows ist nicht. Und das ist gut so. Im Yin gibt es einfach keinen großen Bedarf an zahlreichen Positionen.

Weniger ist mehr, ist das Motto, und das spiegelt sich in allen Ebenen wider. Auch die Sequenzierung selbst ist kein Hexenwerk. Das bedeutet, dass du beim Yin Yoga wenig Zeit in das klassische Sequencing investieren musst, dafür sind die Arbeit mit verschiedenen Körpern und deine eigene Praxis um so wichtiger und zeitaufwändiger. Es fällt mir wesentlich schwerer, meine eigene Yin-Praxis im Alltag zu integrieren, mir richtig Zeit zu nehmen zum Spüren, mit den Hilfsmitteln zu spielen, auch wenn meine Anatomie etwas anderes zulässt. 

Abgesehen vom strengen Ablauf beim Ashtanga Yoga sind der Kreativität beim Sequenzieren im Yang Yoga keine Grenzen gesetzt. Und damit meine ich nicht mal Yoga-Unterricht-Gimmicks wie musikalische Untermalung, perfekt zur Asana-Sequenz vorgetragene Fabeln oder ausufernde Philosophie-Kurse (die ja so manche dynamisch Yoga-Stunde schmücken). Ich meine die Essenz deiner Sequenz, die Stellungen. Im Vergleich zum Yin Yoga stehen hier Tausende Asanas zur Auswahl – alleine das macht die Vorbereitung schon deutlich zeitaufwändiger. Zusätzlich gelten verschiedenste Sequenzierungs-Strategien im Yang Yoga, und es braucht Zeit und Übung, die erst mal zu beherrschen.

Stunden können auf einem Herzthema basieren oder auf einem Ausrichtungselement. Sie können zu einer Peak Pose führen oder eine gesamte Stellungsgruppe wie zum Beispiel Vorbeugen in den Fokus nehmen. Zusätzlich gibt es jede Menge Dos and Don'ts, also die Basics, die erst ein sinnvolles Sequenzieren einer Yang-Yogastunde ermöglichen. Vinyasa Krama ist ein Konzept, das den grundsätzlichen Aufbau einer Yoga-Praxis betrifft. Es gibt also Elemente, die immer einzubauen sind: Mobilisation, Vorwärtsbeugen, Rückwärtsbeugen, Rotationen, Umkehrstellungen, Balancen, Seitneigungen. Und natürlich wäre es ganz schön, wenn vor der Dehnung die Aktivierung kommt und du am Ende und nicht am Anfang alle in die Entspannung schickst. Und das sind nur die groben Leitplanken, zeigt aber auch, dass deine Stundenvorbereitung aus verschiedensten Gründen Übung und Zeit braucht. À propos Zeit, die läuft uns zwar auch im Yin Yoga weg, aber das Timing im Yang zu steuern, ist durchaus anspruchsvoll. Oder bin ich die Einzige, die trotz Timeline immer etwas weglassen muss?


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3. Deine Ausrichtung: Klassisches vs. individuelles Alignment

Jeder Mensch hat einen individuellen Knochenbau, jeder Mensch hat eine individuelle Gelenkigkeit. Das ist quasi fix, da hilft auch kein tieferes Atmen oder eine manische Yoga-Praxis. Knochen küsst Knochen bedeutet schlichtweg: Da geht nix weiter. Als LehrerIn ist es beim Yin Yoga deine Aufgabe, Variationen nach den Gesetzen des individuellen Knochenbaus für jeden deiner Schüler anzubieten.

Unterrichte ich, zeige ich zu Beginn mindestens drei verschiedene Variationen einer Asana mit und ohne Hilfsmittel. Zusätzlich unterstütze ich jeden meiner Schüler 1:1 dabei, je nach Kompression und Spannung sowie auch Funktion der Asana die richtige Position zu finden. Du bist also während der Yogastunde sehr viel bei deinen Schülern, schaust dir die Haltungen an, fragst, wie sich etwas anfühlt, bietest Winkelveränderungen, weitere Hilfsmittel, vielleicht sogar Alternativen an.

Die Erfahrung zeigt, dass bei 15 Yogis im Raum 15 unterschiedliche Variationen ein und derselben Asana entstehen. Alle Yogis sind verschieden. Alle Yogis benötigen Variationen, um die Funktion einer Asana zu erreichen. Deine Aufgabe als Lehrerin ist es, diese Individualität zu erklären und deinen Schülern beizubringen. Das ist ein ganz wundervoller Aspekt im Yin Yoga und noch besser: Du hast Zeit dafür. Du kannst deinen SchülerInnen ganz anschaulich vermitteln, dass wir alle unterschiedlich sind und jeden Tag mit dieser Unterschiedlichkeit arbeiten. Und du wirst sehen, wie dankbar deine Schüler sind, endlich zu verstehen, dass ihr Knochenbau keinem anderen gleicht. Alleine diese Botschaft wird viele Yogis erleichtern, vor allem wenn sie jahrelang versucht haben, sich in Haltungen pressen, die niemals möglich sein werden.

Auch im Yang Yoga ist angekommen, dass ein starres Alignment nicht wirklich förderlich ist. Klassisches Alignment bedeutet für uns als Yogalehrer vor allem, dass jede Haltung auf Basis des funktionierenden Muskelsystems und der optimalen Gelenkstellung analysiert wird. Die Dynamik im Yang Yoga zwingt uns ein wenig, alle über einen Kamm zu scheren, wohlwissend, dass es nicht für alle passt. Und weil wir das tun, sind wir als Yogalehrer noch mehr gefordert, unsere Individualität zu feiern und zu stärken, und nicht, uns anzupassen.

Als Vinyasa-Yogalehrer solltest du die anatomischen Zusammenhänge fast noch mehr beherrschen. Die Schwierigkeit für dich liegt darin, ein Gleichgewicht zwischen allgemeingültigen Alignments und der Individualität eines jeden Menschen zu finden. Wie ein Mantra solltest du immer wieder erklären, dass es mehr um das eigene Erforschen der Asana geht als um die Form und Alignments – die nicht zwingend für jeden in der Klasse gelten. Sei ansprechbar, beobachte selbst und gib individuelle Hinweise. 

4. Deine Intention als Lehrerin: Let’s Yin the World vs. Perspektivenwechsel im Handstand

Genauso wichtig wie deine Ausstrahlung, die Ausrichtung und das Sequencing ist dein Mindset während des Unterrichtens.

Beim Yin Yoga ist meine erklärte Intention, Menschen in die Tiefe zu begleiten, eine feine Wahrnehmung ihrer selbst auf allen Ebenen zu erlernen und damit die Tür für eine nachhaltige Transformation zu öffnen. Das geht so weit, dass ich dem Leben meiner SchülerInnen wieder eine stille, ruhige, sanftmütige, langsame, gelassene, warme Seite einhauchen möchte, die sich von Mensch zu Mensch überträgt. Die Welt braucht einfach mehr Yin. Was ist deine Intention als Yin-Yogalehrer?

Beim Yang Yoga habe ich einen ganz anderen Fokus. Hier ist jede meiner Yogastunden darauf ausgerichtet, dir etwas beizubringen. Ich möchte deine Aufmerksamkeit auf das richten, was gerade passiert, auch wenn es schwierig wird. Ich bin kein Philosoph, kein Magier, kein Guru – aber alles, was wir gemeinsam auf der Matte erlernen, wirst du irgendwann auch außerhalb der Matte verinnerlichen. Das ist nicht immer einfach, auch hier musst du Ängste überwinden und Grenzen erweitern, aber lieber ein blaues Auge auf der Matte als auf der Straße!

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