Du verwendest einen veralteteten Browser (Unknown Browser 0.0) mit Sicherheitsschwachstellen und kannst nicht alle Funktionen dieser Webseite nutzen. Hier erfährst du, wie einfach du deinen Browser aktualisieren kannst.
Wiedergeburt: Das größte Mysterium der Menschheit
iStock

Wiedergeburt: Das größte Mysterium der Menschheit

Von Kerstin Linnartz

„Ich bin gewiss, wie Sie mich hier sehen,  
schon tausendmal dagewesen  
und hoffe  
wohl noch tausendmal wiederzukommen.”

Johann Wofgang von Goethe (1749 – 1832)  

Johann Wolfgang von Goethe scheint sich ganz sicher gewesen zu sein, was das Thema Wiedergeburt angeht. So geht es nicht allen: Die Frage, was nach dem Tod passiert, ist wohl eine der am heißesten diskutierten und ältesten der Menschheitsgeschichte. Religionen und spirituelle Schulen suchen seit Menschengedenken Antworten darauf. In unterschiedlichen Kulturen haben sich rund um die Frage eine Vielzahl von Theorien gebildet – die sich in ihrer Essenz jedoch oft ähneln.

Wiedergeburt: Was passiert nach dem Tod?

Der Tod ist für jeden von uns ein unausweichliches Ereignis – auch wenn er leider in unserer westlichen Welt (zu) wenig thematisiert wird. Was aber wirklich passiert, wenn unser physischer Körper vergeht, erfahren wir erst dann, wenn es für uns selbst so weit ist. Wir alle werden uns also überraschen lassen müssen. Und bis dahin unsere eigene Antwort auf diese Frage, unseren individuellen Umgang mit dem Thema finden müssen.

Im Yoga und in buddhistisch wie hinduistisch geprägten Gegenden glauben viele Menschen an Wiedergeburt. Und dieser Glaube gewinnt auch in der westlichen Welt immer mehr Zuspruch. 


Anna Trökes Basis-Meditationsprogramm
Du möchtest dich besser entspannen können und Ruhe, Stabilität und Ausrichtung in deinen Geist bringen? Lerne in 10 Tagen die Basics des Meditierens mit der Yoga- und Meditationsexpertin Anna Trökes.
JETZT ANMELDEN

Für mich war schon als junges Mädchen klar, dass nicht alles vorbei ist, wenn wir sterben. Sterben war in meiner Familie kein Tabuthema. Und so befasste ich mich schon mit zwölf Jahren mit der faszinierenden Frage des „Lebens nach dem Tod“. Vor allem Bücher von Dr. Raymond A. Moody (wie „Leben nach dem Tod“ und „Das Licht von drüben“) gaben mir nach dem Tod meines Großvaters erste Antworten auf meine Fragen. Das Thema ließ mich aber auch später nicht los – und so studierte ich im Laufe der Jahre unzählige philosophische und wissenschaftliche Schriften über den Tod und das, was danach kommt.

In den Antworten der asiatischen Kulturen und Religionen fand ich für mich persönlich Ruhe. Ist es doch eine wundervolle Vorstellung, dass kein Abschied für immer sein muss und der Tod kein Ende, sondern lediglich den Übergang zu einem nächsten Abschnitt darstellt. Mir hat diese Vorstellung sehr geholfen, wenn ich einen Menschen beim Sterben begleitet habe. Und oft habe ich erlebt, dass die Menschen, denen diese Sicht vertraut war, friedlicher und mit weniger Angst mit dem Sterben umgegangen sind. 

Der buddhistische Teil meiner Familie geht, wohl weil sie mit dem Gedanken der Wiedergeburt aufgewachsen sind, viel natürlicher damit um, wenn ein geliebter Mensch geht. Natürlich gibt es Trauer und Schmerz. Aber auch sehr viel Dankbarkeit und Zuversicht – denn irgendwann begegnen wir uns ja wieder. Wenn ich hier von einem „schönen“ Erlebnis sprechen darf: Ich habe die Momente, in denen ich mit buddhistischen Familienmitgliedern aus Asien einen Sterbenden begleiten durfte, als ungemein bereichernd empfunden.

Wie gesagt: Was wirklich nach dem Tod kommt, werden wir erst erfahren, wenn wir an der Reihe sind. Und ich würde mir nie anmaßen, anderen meine Wahrheit aufzudrängen. Aber aufgrund meiner ganz persönlichen Erfahrungen würde ich jedem empfehlen, sich der Idee der Wiedergeburt zu öffnen und sich mit der Reinkarnationslehre zu beschäftigen. 

Was bedeutet Reinkarnation genau?

Innerhalb der diversen östlichen Religionen gibt es die unterschiedlichsten Varianten der Reinkarnationstheorie. Das zeigt, wie komplex das Thema „Wiedergeburt“ ist. Ich teile hier eine Übersicht der gängigsten Aspekte und damit nur einen Ausschnitt.

Der Begriff „Reinkarnation“ stammt aus dem Lateinischen und kann wörtlich als „Wiedereinfleischung“,  „Wiederfleischwerdung“ oder „Wiederverleiblichung“ übersetzt werden.  Stellt sich die Frage: Wer oder was wird „wiedereingefleischt”? Die Reinkarnationslehren gehen diesbezüglich von einer den körperlichen Tod überdauernden „Substanz“ aus – einer Seele, einer geistigen Wesenheit, Person, einem Selbst, Geist. Diese Seele durchlebt eine Reihe von physischen Verkörperungen, die jeweils durch einen physischen Tod „unterbrochen” werden. Diese sogenannten Inkarnationen sind normalerweise menschlicher oder tierischer Natur. Es gibt jedoch auch Beispiele für übernatürliche Wiedergeburten.  

Die Idee des wiederholten Lebens auf der Erde ist sehr alt. Die Vorstellung, nicht nur einmal zu leben, sondern viele Leben hinter und vielleicht auch noch vor sich zu haben, kommt der uralten Sehnsucht des Menschen nach Unvergänglichkeit entgegen. Vor allem in Asien wird sie im Hinduismus und Buddhismus vertreten, auch unter Naturvölkern ist sie verbreitet. 

Grundfragen des Menschen wie „Woher kommen wir?“, „Wohin gehen wir?“ beschäftigten aber schon immer Menschen aller Kulturen. Die Idee der Wiedergeburt war dabei nicht nur den asiatischen Völkern vorbehalten. So schrieb etwa der Kirchenlehrer Augustinus von Hippo (354 – 430 n. Chr.): „Sage mir Gott, ob mir nicht irgendein Leben schon gegeben war, auf welches mein Kindesanfang erst folgte? Was aber war noch vor dieser Zeit, mein Gott? War ich da irgendwo und war ich irgendwer? ... Woher so ein Lebewesen, wenn nicht von Dir,  Herr? Oder sollte einer die Kunst besitzen, sich selbst zu schaffen?“  

Mit diesen Fragen liegt Augustinus von Hippo nicht weit entfernt von der Anschauung der Vedanta-Philopsohie, wie sie auch im Yoga unterrichtet wird.

Die Vedanta-Lehre: Atman als Reinkarnation von Brahman

Die Vedanta-Lehre, die als Basis des Hinduismus gilt, sieht als Urprung und Ursache aller Existenz Brahman. Brahman ist ewig, ohne Anfang und Ende, er unterliegt nicht dem Werden und Vergehen. Man spricht von ihm als dem Sein schlechthin.  

Das Universum hingegen ist Brahmans Entfaltung, seine Manifestation als Welt, Mensch, Vielfalt. Es gibt unzählige Bilder und Geschichten in der hinduistischen Mythologie und den Lehren der Vedanta-Philosophie, die dieses abstrakte Konzept wunderbar veranschaulichen. So zum Beispiel das Bild der Spinne, die ihr Netz webt: „Wenn eine Spinne ein Netz weben will, gebraucht sie den Faden, der zu ihr gehört und ohne den sie nicht weben kann.“ (Nikhilananda 1983:70). Die Spinne versinnbildlicht den Ursprung allen Seins, aus ihr heraus entsteht das Netz, das auch wieder aufgelöst werden kann. Diese Analogie besagt, dass das ganze Universum seine Existenz dem Urgrund, Brahman, verdankt. Schöpfung, Erhaltung und Auflösung hängen untrennbar mit Brahman zusammen. Die gesamte Existenz dient dem Zweck, dass er sich selbst in allen Formen und Gestalten erfahren kann.

„Er, der in allen Dingen wohnt, und doch anders als alle Dinge ist,  
den alle Dinge nicht kennen, dessen Leib alle Dinge sind, der alle Dinge von innen leitet...  
Er ist Dein Selbst, der innere Lenker, der Unsterbliche...  
Er ist der ungesehene Seher, der ungehörte Hörer...  
Es gibt keinen anderen Seher als ihn. Es gibt keinen anderen Hörer als ihn.  
Er ist Dein Selbst, der innere Lenker, der Unsterbliche.“  

Brihadaranyaka Upanishad, 3.7.23

Damit dies geschehen kann, durchläuft Brahman eine Inkarnation nach der anderen. In jeder dieser Lebensformen macht er dann die Erfahrung, die ein Leben in diesem Körper, als diese Spezies, unter diesen Umständen mit sich bringt. Die einzelnen Manifestationen Brahmans werden Atman genannt.

Auch zum Annehmen der verschiedenen Lebensformen in den Inkarnationen gibt es schöne Bilder in der Mythologie. In den Brihadaranyaka-Upanishaden ist etwa die Rede von der Raupe: „Wie eine Raupe, nachdem sie ans Ende eines Grashalms gelangt ist, einen anderen Weg beginnt und sich selbst dazu hinüberzieht, so macht es auch das Selbst. Nachdem es den Leib abgeschüttelt und das Nichtwissen losgelassen hat, ergreift es einen andern Anfang und zieht sich selbst dazu hinüber.“ (4.4.3) Das Selbst wird hier mit der Raupe verglichen und der das Selbst tragende Körper mit einem Grashalm. Wenn der Körper aufhört, das Atman zu tragen, findet es einen neuen Platz. Es schafft sich eine neue Form, eine neue Gestalt.

„Wie eine Schlangenhaut abgestorben, abgestreift auf einem Ameisenhaufen liegt, ebenso liegt dieser Körper da; aber dieses unkörperliche, unsterbliche Leben ist lauter Brahman, ist lauter Licht.“ (4.4.7) „Wie ein Mensch sich neue Kleider anzieht, so bekleidet sich das Selbst mit neuen Körpern, die seinem Handeln im früheren Leben entsprechen.“ (Vishnu Smriti, 20.50)

Diese Allegorien drücken sowohl die Kontinuität als auch den Wandel aus, den die Wiedergeburt mit sich bringt.

Von Karma bis Samsara: Der Kreislauf der Wiedergeburten

Der Kreislauf dieser Wiedergeburten wird Samsara genannt. Ob eine Inkarnation in einer höheren Form mit besseren Lebensumständen oder in einer niederen geschieht, wird als Auswirkung des eigenen Handelns zu Lebzeiten gesehen. Dieses Konzept von Ursache und Wirkung heißt Karma. Samsara bedeutet „der zum Ausgangspunkt zurückkehrende Lauf“, „Wanderung (durch eine Reihe von  Zuständen)“, „beständiges Wandern“, „Kreislauf der Wiedergeburten“. Karma bedeutet „Handlung, Werk, Tat“.

Der Mensch kann also beeinflussen, wie seine nächste Inkarnation aussehen wird, indem er sich bewusst für bestimmte Handlungen und Verhaltensweisen entscheidet. Dabei kann ein yogischer Lebensstil ungemein hilfreich sein, da eine ganzheitliche Yoga-Praxis jeden Bereich unseres  Lebens berührt.

Die 3 Wurzeln des Unheilsamen: Dvesha, Lobha und Moha

Samsara wird als Prozess gesehen, in dem man in einem ewigen Auf und Ab gefangen ist. An diesen Prozess des immer wieder und wieder Geborenwerdens, des Leidens und Sterbens ist man durch die drei „Wurzeln des Unheilsamen“ gebunden. Ihretwegen muss man so lange immer wiederkehren, bis man schließlich alle Lektionen gelernt hat und den Kreislauf durchbrechen kann. Diese drei Ursachen heißen Dvesha (Hass), Lobha (Gier) und Moha (Verblendung).

1. Dvesha – Hass

Hass ist der Unwille gegen alles, was Befriedigung hindert oder hemmt. Er entsteht durch unkluges Nachdenken über ein abstoßendes Objekt. Die Reichweite geht von leichter Verstimmung bis hin zu extremem Zorn und Übelwollen. Hass können wir durch das Kultivieren von Güte und zuneigungsfreiem Wohlwollen überwinden. Heißt: auch dann freundlich in Gedanken, Wort und Tat zu sein, wenn man nichts von dem anderen will. Hier hilft Karma Yoga mit seinen Techniken.

2. Lobha – Gier

Gier ist das triebhafte Sich-Hingezogenfühlen zu einem Gegenstand der Befriedigung. Sie entsteht durch unkluges Nachdenken über das anziehende Objekt. Sie reicht von kleinsten eigensüchtigen Wünschen bis hin zu krassestem Egoismus, der (teils im wahrsten Sinne des Wortes) über Leichen geht. Gesellschaften, die sehr von Kapitalismus gesteuert sind, zeigen deutlich, wie sich eine solche Einstellung im Umgang miteinander verbreitet. Man redet hier auch von „kollektivem Karma“. Gier können wir durch das Praktizieren von Großzügigkeit als freiwilligem, selbstlosem Geben von Materiellem und Geistigem an andere beseitigen. Auch hier ist die empfohlene yogische Praxis Karma Yoga.

3. Moha – Verblendung

Verblendung meint Unwissenheit, auch Avidya genannt. Sie gilt als die Grundwurzel allen Übels, da sie die wahre Natur der Dinge nicht erkennen lässt. Sie ist es, die uns das Dasein als etwas Unvergängliches wahrnehmen lässt und so Anhaftung als Leid erzeugt, da wir nicht erkennen, dass alles vergänglich ist. Zur Überwindung von Verblendung ist Einsicht zu entfalten. Hier helfen unter anderem Raja Yoga oder Jnana Yoga.

Das Ziel: Moksha, die Befreiung aus dem Kreis der Wiedergeburt

Schafft ein Mensch es durch aufrichtige Anstrengung, eine regelmäßige Praxis, seinen Yogaweg und selbstlosen Einsatz, den Kreislauf von Werden und Vergehen zu durchbrechen und Samsara zu beenden, sprechen wir von Moksha (Befreiung). Sie ist das höchste Ziel der Hindus: die Befreiung von allem, was sie bindet und eingrenzt, dem Leben auf Erden, im Himmel oder in der Hölle. Die Befreiung bedeutet Einheit mit dem Absoluten, Unsterblichen, ewige Glückseligkeit. Alle Beschreibungen weisen auf diesen einen Zustand hin, den wir letzlich nicht mit Worten beschreiben können. Er ist reines Glück und tiefer Frieden.

Eines der bekanntesten Mantras aus den Upanishaden, das ich gern zum Ende meiner Yogaklassen chante, beschreibt genau dies in seiner Übersetzung:

„Om asato ma satgamaya 
tamaso ma jyotir gamaya 
mrityor ma amritam gamaya.”

„Führe mich aus der Unwirklichkeit zur Wirklichkeit;  
führe mich aus der Dunkelheit zum Licht;  
führe mich aus dem Tod zur Unsterblichkeit.“  

Neben der Eigenverantwortung, die diese Sichtweisen mit sich bringen, finde ich auch die Theorie schön, dass es im Laufe der Wiedergeburten Momente gibt, in denen wir uns an vorherige Leben erinnern. So zum Beispiel, wenn man einem Menschen zum ersten Mal begegnet und gleich ein vertrautes Gefühl ist. Manche philosophische Richtungen reden hier von „Seelengruppen“. Es heißt, dass man bestimmte Inkarnationen immer wieder trifft, um voneinander zu lernen. So kann das eigene Kind dann die geliebte Großmutter gewesen sein oder man begegnet dem Lebenspartner nach gemeinsamem Leben, Altern und Sterben im folgenden Zyklus in einer anderen, engen Konstellation wieder.

In diesem Sinne wünsche ich dir besondere Begegnungen, eine lebendige Yoga-Praxis und vielleicht eines Tages Moksha, die Befreiung von allem.

zurück nach oben