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Was ist Yoga? Alles, was du wissen musst
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Was ist Yoga? Alles, was du wissen musst

Von Kristin Rübesamen

1. Was ist Yoga?

Lass uns am Anfang beginnen: Yoga ist eine vor Tausenden von Jahren entstandene indische Lehre, die Körper und Geist zusammenbringt. Der ungeheure und stetige Erfolg dieser Lehre im 21. Jahrtausend hat Yoga aus seinem Nischendasein befreit. Yoga ist heute Mainstream. In Deutschland allein rollen über fünf Millionen Menschen regelmäßig ihre Matte aus auf der Suche nach physischem und psychischem Wohlbefinden.

Bei dem Versuch, die Frage zu beantworten, was Yoga heute ist, müssen wir zunächst eine Bestandsaufnahme machen. Denn Yoga ist ein lebendiger Gegenstand und als solcher nichts, worauf man sich einmal für alle Ewigkeiten einigt und anschließend daran festhält. Was sich allerdings als gemeinsamer Nenner für alle Formen von zeitgenössischem Yoga findet, ist die Sehnsucht der Übenden nach einer Form von geistigem Frieden und Klarheit, von körperlicher Kraft und Balance.

Yoga wird in der Regel aus einem Gefühl des Defizits heraus definiert. Es bietet neben handfesten gesundheitlichen Vorteilen (die mittlerweile auch wissenschaftlich belegt sind) offensichtlich etwas, was in unserem Alltag für die meisten von uns, wenn auch nicht verloren gegangen ist, so doch gefährlich auf der Kippe steht.

Yoga ist Einheit. Das Wort „Yoga“ kommt aus dem Sanskrit, einer der ältesten und vermeintlich „heiligen“ Schriftsprachen der Welt. Und zwar genauer gesagt von „yui“ = anjochen, zusammenbinden, anschirren, anspannen. Deshalb kann Yoga durchaus mit „Vereinigung“ von Körper und Geist übersetzt werden. Verwandt ist es mit dem deutschen Wort „Joch“. Dieses Bild, zwei Gäule unter ein Joch zu spannen, passt als Symbol besonders gut, wenn man sich die beiden Gegensätze Körper und Geist vorstellt oder auch das Individuum und das Universum. Das „Anschirren“ symbolisiert, dass es kein einfaches Unterfangen ist, und gleichzeitig entsteht der Eindruck einer Reise: der steinige Weg der Selbsterkenntnis. Wie hart der Weg dann tatsächlich wird, entscheidet der Übende selbst. Für manche endet er im Wellnessbereich des Yogastudios, für andere in einer tagelangen Schweigemeditation.


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Yoga ist eine Technik, um mit sich ins Reine zu kommen. Und zwar eine integrale Technik, die auf körperlicher, emotionaler und mentaler Ebene wirkt. Während die Philosophie des Yoga im Hinduismus und Buddhismus wurzelt, ist Yoga, wie es im 21. Jahrtausend von Millionen Menschen geübt wird, auch eine Antwort auf unseren globalisierten Lebensstil: Ein ständig aktiver Geist, ein erschöpfter Körper, das Gefühl von Rastlosigkeit und Hektik haben der alten indischen Technik in der Moderne zu einem anhaltenden Comeback verholfen. Es ist dabei kein Widerspruch, sondern ein Geschenk, dass sich Yoga unserem Lebenstil anpasst und wir selbst in knappen 40-Minuten-Klassen noch das Gefühl haben, eine Qualität in unser Leben zu integrieren, die sonst verloren ginge.

Yoga ist Balance. Ganz sprichwörtlich, wenn wir in Balance-Übungen auf einem Bein stehen, auf den Händen oder dem Kopf, aber auch, wenn wir dabei unsere Geduld und unseren Ehrgeiz auf die Probe stellen. Und erst recht im übertragenen Sinne, wenn wir den modernen Spagat zwischen Arbeit und Familie hinzubekommen versuchen, besser bekannt unter dem Schlagwort „Work-Life-Balance“. Arbeit und Leben als zwei unterschiedliche Kategorien wahrzunehmen, die in Einklang gebracht werden müssen, ist für den Yogi im Grunde eine alberne Vorstellung. Yogis werden sich immer bemühen, egal, ob sie arbeiten, abwaschen, Kinder erziehen und einen Spaziergang machen, jede dieser Tätigkeiten achtsam auszuüben.

Balance kommt auch ins Spiel, wenn von Yin und Yang die Rede ist, dem berühmten Gegensatzpaar aus der chinesischen Philosophie, das gerade in der Renaissance von Yin Yoga unseren westlichen, von vielen als hektisch erfahrenen Lebensstil kommentiert. Wichtig ist, dass das Ziel von Balance-Übungen niemals ist, die Balance zu behalten, sondern sie lediglich zu suchen. So wie das Leben jede Menge Widerstände und Überraschungen für uns bereithält, die uns verlässlich immer wieder aus dem Gleichgewicht bringen, so versuchen wir auch in unserer Yoga-Praxis immer wieder unsere innere Aufrichtung zu verlieren und wiederzufinden. Bis wir das Fallen irgendwann etwas gelassener nehmen.


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Yoga ist Freiheit. Oder anders gesagt: Yoga schafft Bedingungen, die den Zustand von Freiheit in greifbare Nähe rücken. Auf Sanskrit heißt Freiheit „Moksha“. Patanjali, der in seinem etwa 1600 bis 1800 Jahre alten Yoga-Sutra so etwas wie den philosophischen Grundstein des Yoga formuliert hat, lässt keine Zweifel daran, dass unser Unglück darin wurzelt, dass wir uns mit unseren Vorlieben beziehungsweise Abneigungen identifizieren. „Ich bin kein Frühaufsteher, ich bin schüchtern, immerzu bin ich es, der verlassen wird...“: Vermeintliche Charaktereigenschaften entpuppen sich als Fesseln und hindern uns daran, mit Gewohnheiten zu brechen, die uns nicht guttun. Genau hier knüpfen auch buddhistische Techniken wie die Achtsamkeits-Praxis und Meditation an und neuerdings auch die Hirnforschung, die von „habituellen Denkmustern“ spricht, die einem nicht guttun.

Yoga ist keine Religion. À propos Buddhismus: Yoga ist, auch wenn viele das annehmen, keine Religion. Den großen Erfolg von Yoga erklärt aber, dass es eine Technik ist, die mit religiösem Eifer geübt werden kann. Viele Übenden schätzen den säkularisierten Spiritualismus der Praxis, der ihnen signalisiert, dass es etwas gibt, was größer ist als sie selbst, ohne es zu benennen. Denn während die Kirchen immer leerer werden, können sich Yogastudios vor allem am Sonntag vor Besuchern kaum retten. Die Sehnsucht nach einer Macht, der man sich hingeben und anvertrauen kann, wächst. Einige Studios reagieren darauf, in dem sie einen Kirtan anbieten, das Singen von spirituellen Mantras, im Rahmen eines Satsang. Satsang kann salopp mit „Gemeindeleben“ übersetzt werden und stärkt das Zusammensein von Gleichgesinnten.

Diese Rituale haben gegenüber der Religion vielleicht den Nachteil, dass sie schön unverbindlich unserer konsumorientierten Gesellschaft entsprechen – schließlich können wir jederzeit das Studio wechseln, wenn woanders ein Guru schöner singt. Sie haben jedoch den großen Vorteil, dass in ihrem Namen keine Kriege geführt werden. Und selbst wenn du nicht glaubst, dass das Singen von Mantras in Sanskrit deinen Astralkörper reinigt, wirst du nicht bestreiten, dass gemeinsames Singen die Laune nachhaltig hebt und Zuversicht schafft.

2. Modernes Yoga

Die Bedürfnisse, die unser gegenwärtiger Lebensstil an Yoga stellt, haben sich geändert und damit auch das Yoga, in welcher Form auch immer es geübt wird. Yoga, wie es (oder „er“, wie es historisch korrekt heißen müsste) ab Mitte des 19. Jahrhunderts im Westen unterrichtet wird, stellt die körperlichen Übungen in den Vordergrund. Die der Lehre ehemals zugrunde liegende hinduistische Spiritualität existiert vorwiegend nur mehr als esoterische Light-Version, befreit von seinem religiösen Kontext. Gleichzeitig wächst der Bedarf an einer säkularisierten Form der Meditation, die weder von Gott noch von Buddha etwas wissen will, sondern vor allem Frieden und Klarheit bringen soll in einer Zeit, die als zu hektisch und überfordernd erfahren wird. So inspirieren sich bis heute westliche und östliche Ansätze und machen Yoga zu einem lebendigen Gegenstand jenseits aller Scholastik.

Was Yoga, eine zutiefst nichtsprachliche und persönliche Erfahrung, ist, darf nicht verwechselt werden mit dem, was Yoga sein soll. Egal, welche Gurus und Geschäftsleute auch immer antreten, um ihre Version von Yoga zur alleinigen Wahrheit zu erklären: Yoga ist immer nur das, was Menschen in jeder Faser ihres Körpers und der Weite ihrer Gedanken und Gefühle erfahren können. Es ist so vielfältig und universell und individuell wie alle Menschen, die Yoga üben, aus einem Grund, der wiederum alle eint: weil es funktioniert.

3. Wer übt Yoga?

„Yoga kann jeder üben, der atmen kann“: Dieses bekannte Zitat des berühmten Yogalehrers T.K.S. Krichnamacharya kann noch ergänzt werden. Yoga kann jeder üben, egal, ob jung oder alt, dick oder dünn, gesund oder krank, arm oder reich. Den einen macht es kräftig, dem anderen hilft es, seinen Bluthochdruck zu senken, sein Asthma zu kurieren, sein Körpergewicht zu regulieren oder einfach nur seinem Gedankenkarussell zu entkommen. Und selbst wenn jemand nur Yoga übt, weil er nur dann sein Smartphone weglegt, wäre etwas gewonnen.

Yogis und Yoginis werden die Männer und Frauen genannt, die Yoga üben. Yoga kann man nicht „machen“ in dem Sinne, dass der Zustand, den der Übende sucht, eines Tages erreicht sein wird. Dieser Zustand von andauerndem Glück (in den Yogaschriften bekannt als „Samadhi”) kann nur angestrebt werden – sprich: geübt. Deshalb ist es trotzdem in Ordnung zu sagen: „Ich mache Yoga”.

Der Yogaweg wird gern als „Aufstieg auf einen Berg“ beschrieben, womit gleich klar ist: Einfach wird es nicht. Gleichzeitig zu einer linearen Entwicklung existiert die Vorstellung von einer kreisförmigen, in die Tiefe vordringende Bewusstseinsschulung. So erleben wir in der Praxis schließlich auch Zeit weniger linear, als wir es von unserem Alltag kennen: Wir können in eine Asana eintauchen, in einem Moment eine Bewusstseinsreise in unsere tiefste Kindheit machen und im nächsten Moment wieder mit dem nächsten Atemzug verschmelzen. In der Hoffnung, den einzelnen Moment frei von Vergangenheit und Zukunft zu erleben, entspringt der Sehnsucht, diese Freiheit als Raum für Veränderung zu nützen. Welchen Weg auch immer der Übende wählt: Transformation ist das Ziel.

4. Gurus im Yoga

Die wichtigsten Yogalehrer und Gurus Für die Geschichte des modernen Yoga fällt der Startschuss in Chicago im Jahr 1893, als Swami Vivekananda vor dem „Parliament of Religions“ das US-amerikanische Publikum mit der Anrede „Brüder und Schwestern“ verblüffte und für Yoga erwärmte.

1920 kommt ein weiterer Botschafter des Yoga nach Amerika: Paramahansa Yogananda stößt in Boston mit seiner „Autobiografie eines Yogis“ auf großes Interesse. Er ist der Prototyp des modernen Guru, dessen Nähe Menschen suchen, weil sie sich davon bessere Chancen auf ihrem Weg zu spiritueller Weisheit erhoffen.


Du willst mehr über Paramahansa Yogananda und das von ihm entwickelte Kriya Yoga erfahren? Dann lies unseren Artikel über den immer noch weltweit beliebten Guru!


Weitere charismatische Männer folgen und sorgen mit ihrer Definition von Yoga für die Verbreitung der Idee, dass Körper und Geist eine Einheit sein sollen:

  • der Philosoph Jiddu Krishnamurti, der überall, wohin er kommt, Schulen für „völlige geistige Freiheit“ gründet 
  • Maharishi Mahesh Yogi, der den Beatles in seinem Ashram in Rishikesh die Transzendentale Meditation beizubringen versucht
  • Swami Chidananda
  • Swami Satyananda
  • Sathya Sai Baba
  • Bhagawan Rajneesh, bekannt geworden als Osho, gelingt es, der sinnhungrigen und zahlungswilligen Bohème des Westens ein Therapieangebot zu machen, erst im indischen Poona, später in Oregon in den USA

Auf wen sich jedoch alle Yogi:nis im 20. Jahrhundert ohne Unterschied als Guru beziehen, ist Mahatma Gandhi, der zusammen mit Jawaharlal Nehru den Widerstand gegen die britische Kolonialherrschaft anführte. Sein Kampf führte 1947 zur Unabhängigkeit und in der Folge zur Teilung des Subkontinents in den säkularen Staat Indien und den islamischen Staat Pakistan.

Gandhis Doktrin von Ahimsa (Gewaltlosigkeit) und Satya (Wahrheit) war die Wurzel von Satyagraha (eine Wortschöpfung Gandhis, die sich auch auf die Tugend der Besitzlosigkeit, Aparigraha bezieht), der Bewegung des gewaltfreien Widerstands, dessen Symbol das Spinnrad war. Gandhi war ein Karma Yogi, der jede Handlung als Gottesverehrung sah, als selbstlose, keinem Motiv folgende liebende Handlung.

Die bekannteste Aktion der Satyagraha-Bewegung gegen die Salzsteuer unternahm Gandhi 1930 während des legendären Salzmarsches. Gandhi ging dabei als Protestaktion gegen die Briten 388 Kilometer von Ahmedabad nach Dandi im Gujarat, begleitet von einer in die Tausende wachsenden Zahl von Landsleuten.

5. Körperliche Yoga-Übungen: Die Asanas

Yoga fängt an, wo die Sprache aufhört. Das heißt: Praxis ist wichtiger als Theorie. Es gibt die unterschiedlichsten Ideen, was Yoga sein soll, dabei kommt es nur auf eines an: dass wir Yoga üben. Yoga ist nichts, was wir erleben, weil wir eine Menge darüber gelesen haben. Yoga verstehen wir am besten, wenn wir es üben.

Die meisten Yogi:nis üben in der Tradition des Patanjali. Von seinem berühmten achtgliedrigen Pfad haben sich im Alltag der Yoga-Übenden vor allem drei „Stufen“ etabliert: Asana – die körperlichen Haltungen, Pranayama – die Atemübungen, und Meditation.

Ursprünglich galt Yoga als rein spiritueller Weg, und Asanas besaßen lediglich die Funktion, den Körper und die Wirbelsäule so zu mobilisieren, dass der Übende möglichst lange und ohne körperliche Beschwerden im Meditationssitz ausharren konnte.

Ohne die aus Europa kommende Begeisterung für Gymnastik hätte es das körperbetonte Yoga, das wir heute üben, vermutlich nicht gegeben. Das Ende des 19. Jahrhunderts stark verbreitete Bewusstsein für Körpererziehung hatte politische Gründe. Im Zeitalter der Industrialisierung gab es ein lebhaftes Interesse daran, die Arbeiter:innen, die nicht länger als Bauern/Bäuerinnen an der frischen Luft schufteten, gesund zu halten. Ebenso wie sich die „Turnerbewegung“ durch Turnvater Ludwig Jahn in Deutschland Richtung deutscher Nationalstaat bewegte, waren es später die unter dänischen und schwedischen Gymnastikübungen (nach Niels Bukh und Pehr Henrik Ling) schwitzenden britischen Soldat:innen, von denen die Inder:innen, die genau diese Kolonialherren loswerden wollten, lernten: Wer seinen Körper kontrollieren kann, kontrolliert auch sein Land.

Ein weiterer Beleg dafür, dass die herrschende Lesart von Yoga als rein indische Tradition angezweifelt werden darf, ist die Tatsache, dass sich der vermeintlich „urindische“ Sonnengruß mit den in Indien populären Übungen des ostpreußischen Bodybuilders Eugen Sandow in Verbindung bringen lässt.


Du möchtest mehr über den Sonnengruß erfahren? Dann schau dir den Yoga-Talk zum Thema von Dr. Ronald Steiner an:

interview_sonnengrussYogaEasy-Video abspielen


Für das körperzentrierte Yoga mit seinen Asanas, die erst in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts in ihrer Vielfalt Bedeutung erhalten, spielte T.K.S. Krichnamacharya eine zentrale Rolle. Nicht nur entwickelte er eine erste Sequenz, in der Asana auf Asana folgte, er sorgte auch durch seine Stellung am Fürstenhof von Mysore dafür, dass zum ersten Mal in der Geschichte des Yoga auch Frauen unterrichten durften.

Mysore, bis heute Pilgerstätte westlicher Yogi:nis, nahm in der Entwicklung der wichtigsten Methoden und Stile eine einzigartige Position ein. Unter der teils cholerischen Herrschaft des Familienvaters Krichnamacharyas entstand, was heute überall auf der Welt gelehrt wird: Vinyasa Yoga, also Yoga, in dem eine Asana in die nächste fließt. So wie ihr Vorbild Krichnamacharya führten auch sein Schüler Pattabhi Jois, Gründer von Ashtanga Yoga, sein Sohn TKV Desikachar, Gründer von Viniyoga, und sein Schwager BKS Iyengar, Gründer von Iyengar Yoga, ein strenges Regiment und bildeten innerhalb der Yogaszene starke Machtzentren.

Exkurs: Ist Yoga weiblich oder männlich? Weder noch!

Anders als beim Yoga, das wir heute kennen, ging es früher weniger um das Heilen von „Smartphone-Nacken“ und das Entspannen nach einem stressigen Tag. Stattdessen war die Yoga-Praxis ein Weg zur Erleuchtung. Und dieser spirituelle Weg war zunächst allein den Männern vorbehalten. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts begann T. Krishnamacharya, der Urvater des modernen Yoga, auch Frauen zu unterrichten und sorgte so für einen Paradigmenwechsel. Heute wiederum üben größtenteils Frauen Yoga. Die Männer in der Yogaszene sind in der Unterzahl. Dabei können ohne Frage beide Geschlechter von Yoga profitieren. Und sich das holen, was ihnen im Alltag vielleicht manchmal schwerfällt: Frauen können sich mutig in herausfordernde Asanas wagen und Männer mal loslassen und sich – beim Yin Yoga oder in der Schlussentspannung – ganz fallenlassen ins Nichtstun, in die Entspannung.

6. Yogastile

Ob ein Lehrer oder ein Stil zu einem passen, weiß man nicht direkt nach der Stunde. Man sollte sich schon einige Male auf eine bestimmte Methode einlassen, nicht nur bei guter Laune, sondern auch bei Niedergeschlagenheit und an einem schlechten Tag – und sehen, was passiert. Hardliner sprechen sogar von Jahren, um herauszufinden, welche Methode richtig ist für einen.

Vermutlich entscheidet man bei der Wahl der richtigen Methode zunächst nach Geschmack. Man sollte aber auch überlegen, unter Umständen eher gegen sein Temperament zu entscheiden. Wer sowieso dazu neigt, sich zu überanstrengen und stark zu fordern, ist gut beraten, im Yoga eine ruhigere und sanftere Methode zu wählen. Wer umgekehrt immer den bequemsten Weg geht und vor Abenteuern zurückschreckt, kann ruhig eine herausfordernde Methode versuchen.

Ausgehend von der Theorie, dass Yoga dabei hilft, auch unbekannte Seiten an sich zu erkennen und insgesamt das Spektrum der Handlungs- und Denkroutinen zu erweitern, ist es sinnvoll, die eigenen spontanen „Vorlieben“ zu prüfen, gegen den Strich zu bürsten und etwas Neues und Ungewohntes zu wagen. Die Übersicht der Stile kann in jedem Fall nur Anhaltspunkte geben. Am Ende gilt: Probieren geht über Studieren.

1. Hatha Yoga

Die im Westen bekannteste Form des Yoga, die schon seit mehr als 50 Jahren angeboten wird. Aus den Lehren des Hatha Yoga haben sich alle nachfolgend beschriebenen Stile, Traditionen und Schulen entwickelt. So gedeihen unter seinem Dach sanfte und kraftvolle Techniken, einfache Körper-Wahrnehmungsübungen und hochkomplexe Körperhaltungen, Atemübungen oder Konzentrationen.

Hatha Yoga umfasst Asanas sowie Bewegungsabläufe (Vinyasa oder Flow), Atemübungen (Pranayama), mentale Entspannungstechniken und Meditation. Alle Techniken des Hatha Yoga setzen am Körper an und führen weiter über den Atem zum Geist.

Hier geht's zu unseren Hatha-Yoga-Videos.

2. Kundalini Yoga

Yogi Bhajan machte Kundalini Yoga Ende der 60er-Jahre in den USA bekannt. Die Übungsreihen sind eine Kombination aus dynamischen Körperübungen, bewusster Atmung, geistiger Ausrichtung und Mantra-Meditation. Kundalini Yoga ist oft sehr dynamisch, um unsere Lebensenergie (Prana) zu wecken. Dieser Übungsweg zieht die Spiritualität und die Hingabe an den Guru ganz offen und bewusst mit ein. Wer einen kraftvollen und fordernden Übungsstil liebt, Spiritualität sucht und sehr gern singt, ist bei Kundalini Yoga richtig.

Hier findest du unsere Kundalini-Videos.

3. Ashtanga Yoga

Eine sehr kraftvolle, dynamische Richtung, gegründet von Pattabhi Jois in Mysore. Das Übungssystem besteht aus einer festgelegten Reihenfolge, die jeweils mit Bewegungselementen verbunden ist. Dieser Bewegungsfluss wird mit einem gleichmäßigen Atem begleitet, wodurch das Üben einen sehr meditativen Akzent bekommt. Die Reihenfolge ist so aufeinander abgestimmt, dass nacheinander alle Körperteile aktiviert und gedehnt werden. Man kann sehr gut abschalten und kommt ordentlich ins Schwitzen.

Sportlich ambitionierte Menschen mit guter Kondition, die eine klar strukturierte Praxis ohne Musik suchen, finden oft im Ashtanga ihr Yoga-Glück. Diese Richtung erlaubt es auch schnell, selbständig zu üben.

Hier sind unsere Ashtanga-Videos.

4. Iyengar Yoga

Gegründet von BKS Iyengar, ist Iyengar Yoga kraftvolles Üben, das sich durch äußerst genaue Ansagen auszeichnet und so einen hohen Grad an Präzision ermöglicht. Es wird teilweise mit Hilfsmitteln (Props) wie Holzblöcken, Decken und Gurten gearbeitet, um die Ausführung komplexer Asanas auch für Anfänger:innen und Menschen mit körperlichen Einschränkungen zu ermöglichen. Da die exakte Ausführung der Übungen im Vordergrund steht, sind spirituelle Ansätze eher indirekt während der Praxis zu finden und spielen bei manchen Lehrer:innen eine untergeordnete Rolle.

Iyengar Yoga ist für diejenigen eine gute Wahl, die sich körperlich fit fühlen und die auch entspannen können, wenn man ihnen ganz klar sagt, wo es langgeht. Aber auch Menschen mit chronischer Fehlhaltung und handfesten physischen Problemen haben eine gute Chance, mit Iyengar Yoga als begleitender Therapie zur Schulmedizin und mit einem guten Lehrer wieder auf die Beine zu kommen.

Hier ist ein Überblick über unsere Iyengar-Videos.

5. Jivamukti Yoga

Kraftvoll dynamischer, schweißtreibender Stil, der 1984 in New York von Sharon Gannon und David Life entwickelt wurde. Die Übungen werden fließend geübt und von Musik begleitet. Typisch ist, dass der/die Lehrer:in die Schüler:innen mit Körpereinsatz korrigiert. Nichts für Kontaktscheue, aber auch heute noch stark im Trend. Darüber hinaus rezitiert der/die Yogalehrer:in aus altindischen Schriften, spricht über Philosophien oder Lebensweisheiten. Mantren und Meditation gehören zur Übungspraxis dazu, außerdem wird Wert auf einen gewaltfreien und veganen Lebensstil gelegt.

Interessant für Menschen, die neben einer intensiven, fließenden Yoga-Praxis mehr über die Yoga-Philosophie lernen möchten und eine Yoga-Gemeinschaft suchen.

Hier sind unsere Jivamukti-Videos.

6. Sivananda Yoga

Der Fokus ist eher meditativ und spirituell. Im Mittelpunkt der Übungspraxis stehen die zwölf Asanas der Rishikesh-Reihe, die immer in der gleichen Reihenfolge ausgeführt werden. Die Asanas dieser Reihe sind teilweise sehr anspruchsvoll. Durch die Konzentration auf die Atmung und die Energiezentren kommen die Gedanken zur Ruhe. Mantas und Gebete sind fester Bestandteil der Praxis. Wer nach einer ganz klar strukturierten Yoga-Praxis üben möchte und bereit ist, sich auch auf weltanschauliche Aspekte des Yoga einzulassen, kann im Sivananda seinen Platz finden.

Hier sind unsere Sivananda-Videos.

7. Anusara Yoga

Kraftvolle Hatha-Variante, die 1997 von dem US-Amerikaner John Friend entwickelt wurde. Sie stützt sich auf eine lebensbejahende Philosophie, die das Gute in allen Menschen und Dingen sieht. Bei der Ausführung der Asanas steht nicht die Perfektion im Mittelpunkt, sondern die Freude an der Ausübung, wobei die exakte körperliche Ausrichtung eine große Rolle spielt. Ideal für gesunde, bewegungsgeübte Anfänger:innen und Fortgeschrittene, die Didaktik und gute Laune wollen.

Sieh dir unsere Anusara-Yoga-Videos an!

8. Vinyasa Flow und Power Yoga

Hier werden klassische Asanas zu immer wieder neuen, kreativen Bewegungsabfolgen zusammengestellt, sodass sich ein anstrengender, fließender Übungsstil (Flow) entwickelt. Es wird mit einer intensiven Atemführung und mit Musik geübt. Ein wichtiges Ziel ist es, die eigene Kraft und Lebendigkeit zu erfahren. Bereichernd für alle, die ein intensives, schweißtreibendes Üben suchen, die „aus dem Kopf“ und „in den Körper“ wollen.

Hier findest du unsere Vinyasa-Yoga-Videos.

9. Yoga ohne körperliche Übungen

  • Besonders bekannt sind die traditionellen vier Yogawege: Bhakti Yoga – das Yoga der liebenden Hingabe (Kirtan, Puja, tägliche Rituale gehören hier dazu), Karma Yoga – das Yoga des selbstlosen Handelns (du praktizierst immer dann Karma Yoga, wenn du etwas für andere tust ohne dir davon etwas zu erwarten), Jnana Yoga – das Yoga der Erkenntnis (hier werden intensiv spirituelle Schriften studiert) und Raja Yoga – das Yoga der Geisteskontrolle (eng mit Meditation verbunden). 
  • Kriya Yoga, das Yoga des Handelns, geht zurück auf Raja Yoga und bezieht sich auf die Upanishaden. Es wurde in den 20er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts durch Paramahansa Yogananda (siehe oben) populär, der seine auf Pranayama basierende Technik die „Schnellstraße zu Gott“ nannte.
  • Einen psycho-physischen oder psychosomatischen Ansatz hat das tibetische Heilyoga Kum Nye (nicht mit den 5 Tibetern zu verwechseln!) oder auch Yantra Yoga als Meditationsbegleitung.
  • Naad Yoga ist das Yoga des Klangs. Diese traditionelle Yoga-Art aktiviert mit Tönen, Singen, Mantren, Naturgeräusche deine Kundalini und reinigt deine Energiekanäle.
  • Aus Tibet kommt das Traumyoga, an der Grenze des Schlafs.

7. Yoga und Gesundheit

Generell ist die positive Wirkung von Yoga auf Körper und Seele unumstritten. Bei Durchblutungsstörungen,  Schlafstörungen, nervösen Beschwerden (Angst und Depression), chronischen Kopfschmerzen und Rückenschmerzen sowie Stress ist Yoga als Heilmethode anerkannt.

Die physische Praxis, die Asanas, baut Muskeln auf und dehnt, die Flexibilität steigt, der Gleichgewichtssinn wächst sowie die generelle Ausdauer und Lebensfreude. Außerdem steigert die Aktivierung von Muskeln, Sehnen, Bändern, Blut- und Lymphgefäßen die Durchblutung und wirkt sich positiv auf die Verdauung und die Arbeit aller Organe aus. Die Kräftigung der Rückenmuskulatur insbesondere hat zu einem Boom von „Rückenyoga“ geführt.


Hier kannst du die „Wohlfühl-Sequenz für den Rücken” mit Isabel Djukanovic üben:

Yoga Video Wohlfühl-Sequenz für den RückenYogaEasy-Video abspielen


Die beruhigende, ausgleichende Wirkung von Yoga und Meditation wird von immer mehr Menschen als lebensnotwendig empfunden und ist verantwortlich dafür, dass Yoga Teil eines westlich aufgeklärten Lebensstil geworden ist. Da das, was Yoga kann, jenseits dessen liegt, was wir sehen können, haben selbst die Profis unter den Yogi:nis Probleme, sprachlich zu formulieren, was Yoga in ihrem Leben ausrichtet. Einfacher wird es, wenn man Übende beschreiben lässt, wie Yoga ihr Leben verändert hat.

Das Interesse am therapeutischen Effekt wird jedoch zunehmend wissenschaftlich untersucht. Warum beruhigen Vorbeugen? Wie helfen Drehungen bei Verdauungsproblemen? Was bewirken Umkehrhaltungen gegen Schlafstörungen?

Immer mehr Krankenkassen unterstützen Yoga, indem sie ihren Kunden Yogakurse im Rahmen des Präventionsprinzips zur Vermeidung spezifischer Risiken und stressabhängiger Krankheiten erstatten (Handlungsleitfaden der Krankenkassen nach § 20 Abs. 1 und 2 SGB V). Neben den existierenden Yogastilen etablieren sich immer mehr Yogarichtungen, die einzelne Lebenssituationen oder Symptome in den Mittelpunkt rücken, z.B. Hormon-Yoga, Schwangerschaftsyoga, Kinder- und Teenageryoga.


Bildquellen: 

  • Swami Vivekananda: Ramakrishna Mission Delhi via Wikipedia
  • Osho: By Multnomah County, Oregon, Oregon Department of Corrections [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons
  • Gandhi: www.mkghandi.org  
  • Maharishi Maresh Yogi: By Foto: die www.mad.ag (Own work by Harald Bischoff) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons

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