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Waldbaden – gesund werden in der Natur
Gustav Gullstrand auf Unsplash

Waldbaden – gesund werden in der Natur

Von Christiane Eitle

Im Moment, in dem du den Wald betrittst, fühlt es sich an, als würden die Bäume dich umarmen. Die reine Luft durchdringt jede Pore deines Körpers, und der Anblick der grünen Schönheit öffnet dein Herz. Lichtreflexe im Blätterdach tauchen den Anblick in magisches Licht, das weiche Moos dämpft deine Schritte, und das geheimnisvolle Knacken im Unterholz erzählt von verborgenen Welten. 

Waldbaden ist kein Spaziergang

Waldbaden ist kein gewöhnlicher Familienspaziergang im Wald. Damit sich die Wirkung des Walds vollkommen entfalten kann, musst du ihn bewusst und als Ganzes erfahren. Die Teilnehmer schlendern daher beim Waldbaden langsam voran, machen Pausen und erfahren mithilfe von Achtsamkeitsübungen den Wald mit allen Sinnen. Waldbaden kannst du mit Waldbaden-Kursleitern, Therapeuten, in ausgewiesenen Heilwäldern oder auch auf eigene Faust im eigenen regionalen Wald durchführen.

In diesem Artikel erhältst du von der Waldbaden-Expertin Katharina Nathe zahlreiche Tipps für das Waldbaden und spannende Hintergrundinformationen über die Wirkungen des Walds auf deine physische und psychische Gesundheit.

„Wenn man in einen Wald eintritt, so ist es, als trete man in das Innere einer Seele.” 

Paul Claudel

Waldbaden als Therapie gegen Stress

Waldbaden spricht  alle Sinne an und wirkt auf allen Ebenen deines Daseins. Deine Muskeln entspannen, eine innere Leichtigkeit entfaltet sich, und dein Nervensystem fährt herunter. Der Körper stellt sich auf Entspannung und Regeneration ein. Du baust Stress ab – und tust deiner Gesundheit eine Riesen-Gefallen.

Aber schon Anfang der 80er-Jahre haben japanische Wissenschaftler und Ärzte die Effekte des Waldbadens erforscht und die gesundheitlichen Effekte auf Körper und Geist nachgewiesen. Waldbaden bzw. „Shinrin Yoku”, wie es in Japan heißt, ist seitdem in Japan eine vom Gesundheitsministerium geförderte Therapieform für die Prävention und Behandlung von stressbedingten Krankheitsbildern. In ganz Japan gibt es zahlreiche Zentren für Waldtherapie und Heilwälder, in denen Waldbaden unter Anleitung von Therapeuten oder individuell durchgeführt werden kann. Shinrin Yoku ist Japanisch und bedeutet: „shin” = großer Wald, „rin” = kleiner Wald, „yoku” = baden. Sinngemäß übersetzt bedeutet das Wort so viel wie „ein Bad in der Atmosphäre des Waldes nehmen”. 


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Den größten Teil unserer Menschheitsgeschichte haben wir im Einklang mit der Natur und ihren Jahreszeiten gelebt. Die Mehrzahl der Menschen in Mitteleuropa etwa lebte inmitten von riesigen, ungezähmten Waldflächen. Deren undurchdringbare Weite und dir dort lebenden wilden Tiere brachten natürlich Gefahren mit sich. Zugleich jedoch bot der Wald auch Nahrung, Bauholz, Schutz und die unschätzbaren Heilkräfte der Natur.

Kein Wunder, dass die Menschen in zahlreichen Kulturen und Religionen bis heute Bäume als heilig verehren. Der Lebensbaum als Symbol der Verbindung zwischen Göttlichem und Erde sowie des Lebenskreislaufs findet sich auf allen Kontinenten der Erde. Bäume spielen eine zentrale Rolle in Mystik und Religion: die Weisheit der alten Eichen, keltische Baumorakel, die Legenden der neuseeländischen Kauri-Bäume oder der Glaube der Thailänder, dass Geister in ihren heiligen Bäumen leben. Nicht zuletzt wissen wir alle, dass Siddhartha Gautama unter dem Bodhi-Baum zum erleuchteten Buddha wurde und dass Adam und Eva am Baum der Erkenntnis genascht haben.

Die gesundheitlichen Effekte des Waldbadens

Bereits vor 40 Jahren machten sich die Auswirkungen von Lärm, Abgasen, Betonlandschaften und erhöhter Menschendichte in japanischen Großstädten bemerkbar. Heute ist dieser Trend weltweit präsent, und Menschen leiden zunehmend unter den krankmachenden Stressfaktoren der Großstadt. Auf physischer sowie psychischer Ebene manifestiert sich der Dauerstress in Form von Rückenschmerzen, Bluthochdruck, Allergien, Tinnitus, Erschöpfung, Depressionen, Schlafstörungen oder einem schwachen Immunsystem.

Seit 1982 wird in Japan dazu geforscht, wie der Wald dabei helfen kann, chronischen Stress abzubauen und die Gesundheit fördert. Der japanische Wissenschaftler Dr. Qing Li ist eine Koryphäe auf dem Fachgebiet der Wald-Medizin – und seine Ergebnisse sind eindeutig: „Meine Untersuchungsergebnisse belegen, dass etwa Menschen, die in der Nähe eines Walds leben, einem deutlich geringeren Krebsrisiko ausgesetzt sind.”

Im Laufe der Jahre konnten die Wissenschaftler viele gesundheitliche Effekte nachweisen: 

  • Waldbaden hilft dabei, den Blutdruck zu senken und den Puls zu beruhigen.
  • Waldbaden baut das Stresshormon Cortisol ab, was vor allem bei chronischem Stress wichtig ist. Denn ein dauerhaft erhöhter Cortisolspiegel kann zu Herzerkrankungen, Schlaflosigkeit oder einem schwachen Immunsystem führen.
  • Waldbaden erhöht die Anzahl der Killerzellen (die etwa Krebszellen abtöten) im Blut schon nach bereits einem Tag um 40 Prozent.
  • Es stärkt das Immunsystem nachhaltig.
  • Die Lungengesundheit verbessert sich. 
  • Der Körper regeneriert und rehabilitiert sich mithilfe des Walds sehr viel schneller.
  • Die Bewegung im Wald erhöht zudem auch die körperliche Vitalität und hebt das allgemeine Energielevel.
  • Zugleich verbessert Waldbaden die Schlafqualität.

Auch auf die psychische Gesundheit hat das Waldbaden wissenschaftlich nachgewiesene Auswirkungen:

  • Negative Gefühle wie Angst, Wut oder innere Unruhe verringern sich durch Waldbaden.
  • Depressionen können abgemildert werden.
  • Nicht zuletzt fördert die Achtsamkeit während des Waldbadens die generelle Konzentration und Aufmerksamkeit.

Warum und wie wirkt der Wald auf die Gesundheit?

Interview mit Waldbaden-Expertin Katharina Nathe

Waldbaden-Expertin Katharina Nathe

Wie ist es möglich, dass der Wald eine so intensive Wirkung auf unsere psychische und physische Gesundheit hat? Auch wenn achtsame Spaziergänge in der Natur grundsätzlich wohltuend sind: Der Wald hat einige besondere Gegebenheiten, die seinen Effekt auf unser Wohlbefinden verstärken.

Ich habe mich mit der Waldbaden-Expertin und Waldachtsamkeits-Trainerin Katharina Nathe über die wissenschaftlichen und medizinischen Hintergründe der Effekte des Waldbadens unterhalten. Sie ist Hochschuldozentin für Waldbaden zur Förderung der Gesundheit und bietet persönliche sowie online Kurse zu den Themen Erholung, Stressmanagement und Wohlbefinden mit Waldbaden an. Mit ihrem Angebot unterstützt sie Menschen, die ersehnte Entspannung vom Alltagsstress zu bekommen, ihr Leben mit mehr Leichtigkeit anzugehen und die Gesundheit zu fördern sowie zu bewahren.

Katharina Nathe litt selbst jahrelang stressbedingt unter Tinnitus, Migräneanfällen, Schlafstörungen, Neurodermitis-Schüben, Verdauungsstörungen und Schilddrüsenproblemen. Durch Waldbaden konnte sie Abstand zum quälenden Gedankenkarussell schaffen und zurück zu Gesundheit und Leichtigkeit in ihrem Leben finden.

„Durch das Waldbaden schulen wir die körperliche Wahrnehmung und lernen, die Stresssignale des Körpers schneller und achtsamer zu erkennen. Damit wissen wir frühzeitig, wann es zu viel wird, und können entsprechend reagieren. Der Wald bietet viele Möglichkeiten, um richtig zu entspannen, vom Alltag Abstand zu finden und den Stress gezielt abzubauen.”

Katharina Nathe

YogaEasy: Warum empfinden wir die Luft und den Duft des Waldes als wohltuend?

Katharina Nathe: Immer wenn ich in den Wald eintrete und mir der erdige und leicht modrige Duft in die Nase steigt, bin ich in meinem zweiten Zuhause angekommen. Ein wohliges Gefühl breitet sich in mir aus, meine Schultern lockern sich, und ich fühle mich sofort entspannter.

Dieser besondere Duft des Walds entsteht durch das Molekül Geosmin, das sich im Waldboden befindet. Der menschliche Geruchssinn reagiert auf dieses Molekül hochsensibel, und wir nehmen den Geruch als sehr angenehm und wohltuend wahr. Besonders bei Sommerregen oder während der ersten Herbstregentage wirbeln die Regentropfen Geosmin verstärkt durch die Luft.


Wenn der nächste Wald zu weit weg ist: Starte in den Tag mit diesem „Detox Yoga für den Morgen”-Video von Cornelia Köster, das wir auf einer herrlichen Lichtung für dich gedreht haben:

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YE: Weshalb ist die Waldluft so gesund und heilsam?

KN: Ich liebe die Frische und Kühle der Waldluft. Irgendwie schmeckt sie nach mehr Energie und weckt meine Geister, insbesondere wenn ich müde und erschöpft bin. Sie enthält kaum Schadstoffe und Feinstaub, weil sie permanent durch die Blätter gefiltert wird. Dies beruhigt unsere Atemwege, und die Luft nehmen wir als „frischer” wahr. 

In der Waldluft befinden sich Phytonzide und Terpene, die wir sowohl beim Einatmen als auch über die Haut aufnehmen. Phytonzide sind Abwehrstoffe der Bäume, und Terpene sind die Botenstoffe der Bäume sowie der Pflanzen. Beide Stoffe stimulieren wissenschaftlich nachgewiesen unsere Immun- und Killerzellen. 

Insbesondere die Phytonzide vermehren die Killerzellen in unserem Körper, die dafür zuständig sind, Viren- und Krebszellen aufzuspüren und diese dann zu attackieren. Pflanzen und Bäume bilden Phytonzide als Selbstschutz gegen Bakterien und Viren. Diese werden an die Luft abgegeben, die wir während unseres Waldaufenthalts einatmen.

Terpene sind Botenstoffe der Pflanzen und Bäume, um sich über die aktuelle Situation des Schädlingsbefalls auszutauschen. Diese werden durch die Luft geschickt, um die umliegenden Bäume zu warnen. Die Terpene stimulieren insbesondere unser Immunsystem, das mit Steigerung der Abwehrkräfte reagiert. 

Im Winter lohnt sich der Nadelwaldbesuch, da die Terpene von Fichten, Kiefern und Tannen aus medizinischer Sicht am wirkungsvollsten sind. Im Sommer lohnt sich insbesondere nach einem Regenschauer oder bei einem Nebel ein Waldbesuch, da dann die Anzahl von Terpenen und Phytonzide unabhängig vom Waldtyp am höchsten ist.

YE: Wie wirkt das natürliche Licht im Wald auf unseren Körper und Geist?

KN: Das Licht des Walds passt zu meinem inneren Rhythmus und hilft mir, wenn ich etwa morgens so richtig müde bin oder mich abends noch total aufgedreht fühle. Insbesondere abends lässt mich das schummrige, warme Licht zur Ruhe kommen und fördert meine Müdigkeit. Das veränderte Licht wirkt wie ein Signal an den Kopf, dass er die Betriebsamkeit nun runterfahren darf.

Im Wald herrschen die passenden Lichtverhältnisse zum Rhythmus unserer inneren Uhr. Das helle, sanfte und natürliche Licht im Wald reduziert das Schlafhormon Melatonin im Körper. Mit einem Morgenspaziergang startest du daher wach und leistungsfähiger in den Tag. Am Nachmittag und frühen Abend beruhigt das dunkler werdende Licht die Augen und Psyche. Zu dieser Tageszeit wird die Produktion von Melatonin gefördert.

YE: Wie wirken die sanften, ruhigen Geräusche im Wald auf uns?

KN: Die wundervolle Ruhe im Wald fördert meine innere Ruhe. Bin ich wütend, traurig oder aufgeregt, hilft mir die Friedlichkeit des Walds, mein Inneres zu beruhigen. Das leise Rauschen hat etwas Meditatives und Wohltuendes. Es ist keine beklemmende Stille, sondern eine, die uns umschmeichelt und guttut. Sie hilft uns, vom Gedankenchaos abzuschalten und uns auf den Augenblick zu besinnen.

Im Wald herrscht im Durchschnitt durch das Blätterrauschen ein Geräuschpegel von nur 10 Dezibel. Ein reiner Nadelwald kann noch ruhiger sein. Dagegen erreicht Straßenlärm bis zu 70 Dezibel – das stuft unser Körper als „lautes Geräusch” ein und nimmt es entsprechend als unangenehm wahr. Zur Einordnung: Die durchschnittliche Gesprächslautstärke liegt zwischen 20 und 60 Dezibel. Wir merken den beruhigenden Effekt des Walds besonders dann, wenn wir über den Tag hindurch viel Lärm ausgesetzt waren, der nachweislich die Konzentrationsfähigkeit mindert.

YE: Was ist das Besondere am Klima des Walds?

KN: Ich liebe es, im Sommer in den Wald zu gehen. Die kühle und frische Luft zu atmen und auf der Haut zu spüren, ist erfrischend und lässt eine Leichtigkeit fühlen. Ich bin dann immer energiegeladen und sprühe vor Ideen. Im Winter knirscht nicht nur der Schnee unter den Schuhen so schön, sondern der Wald bietet mir noch Schutz vor dem eisigen Wind. Eine Wohltat für meine Wangen.

Der Wald verringert die Windgeschwindigkeit in Bodennähe und bietet uns damit einen windgeschützten Raum. Während im Herbst auf der freien Fläche eine kalte Brise weht, ist es im Nadel-, Laub- und Mischwald so gut wie windstill. Im Winter hält der Nadelwald den eisernen Wind ab, sodass es dort wärmer und angenehmer für uns ist als auf der freien Fläche. 

Unabhängig vom Waldtyp (Nadel-, Laub- oder Mischwald) herrscht im Sommer tagsüber und nachts ein gleichmäßiges Klima im Wald. Dies tut unserem Körper sowie unseren Schleimhäuten sehr gut. Im Sommer ist es im Wald tagsüber vier bis acht Grad kühler als auf der freien Fläche. Einerseits gelangt nur eine geringe Sonnenstrahlung auf den Boden, und andererseits trägt der Wind die Wärme nicht in den Wald. Dagegen ist es nachts im Wald vier bis acht Grad wärmer, denn der Wind trägt die kalte Nachtluft nicht in den Wald.

Zusätzlich herrscht im Mischwald und im reinen Laubwald ein feuchteres Klima. Rund ein Drittel des Niederschlags verdunstet durch das Laub auf den Kronen. Die angenehme gleichbleibende Luftfeuchtigkeit ist sehr gesund für unsere Schleimhäute. 

YE: Warum wirkt der Wald so beruhigend auf die Psyche?

KN: Im Endeffekt ist der Wald das Zuhause meiner Psyche. Er steigert mein Wohlbefinden und nimmt mich so, wie ich bin. Er bietet mir Schutz und lädt mich zum Verweilen ein. Im Wald gibt es weder Monotonie noch hektische Reize. Das fördert unser Wohlbefinden und entspannt. Überreizung kann Stress auslösen und Monotonie zu Langeweile führen, die uns veranlasst über Probleme zu grübeln.

Und der Wald übt schon alleine durch die vielen Grüntöne einen beruhigenden Effekt auf unsere Psyche aus. Dazu bietet uns der Wald viele kleine Herausforderungen, die bei jedem Besuch anders sind. Wir können immer neue Pflanzen entdecken, die kunstvolle Rinde der Bäume bestaunen, Bäche überqueren, Vogelgesängen lauschen, Tiere beobachten oder einfach nur das vielfältige grüne Blätterdach genießen. Es gibt zahlreiche Impulse im Wald, durch die wir unsere Wahrnehmung stärken.


Diese wunderbare Sequenz für das Vishuddha Chakra mit Nicole Bongartz führt dich zu deiner Wahrheit – und in eine herrlich grüne Baumlandschaft: 

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YE: Welche Tipps und Achtsamkeitsübungen hast du für das eigene Waldbaden? 

KN: Ein wichtiger Bestandteil des Waldbadens ist Achtsamkeit und die bewusste Wahrnehmung der Waldumgebung mit allen Sinnen. Nimm dir Zeit, ruhe dich aus, schlendere ganz genüsslich durch den Wald. Betrachte die schöne Umgebung, die faszinierenden Formen und kleinen Besonderheiten. Rieche an den Blättern oder Nadeln und lausche den verschiedenen Geräuschen. Du kannst die Bäume betrachten, berühren oder auch umarmen. Alles ist erlaubt, was deine Sinne aktiviert und dich im Hier und Jetzt verankert. Wenn du regelmäßig Waldbaden machst, dann beobachte auch, wie sich der Wald im Laufe des Jahres wandelt.

Ich empfehle 30 bis 60 Minuten für den Waldbesuch, um mit Waldbaden genügend anhaltende Erholungsphasen zu erreichen. Damit hat der Körper Zeit, die Hormone Serotonin und Oxytocin auszuschütten. Hast du nur 15 bis 20 Minuten Zeit für deinen Waldbesuch, ist es gut, bewusst zwei Waldbaden-Lieblingsübungen auszuführen und diese lange zu genießen, anstatt viele nur kurz durchzuführen.

Waldbaden-Übungen von Katharina Nathe

Sobald du im Wald ankommst, empfiehlt sich eine Atemübung, um im Moment anzukommen: Atme fünf bis acht Mal tief mit der Bauchatmung vollständig ein und aus. So verlangsamt sich dein Herzschlag, du wirst ruhiger und aktivierst dabei gezielt den Parasympathikus. War der Tag sehr stressig, kann es eventuell zehn Atemzüge dauern, bis du eine innere Ruhe spürst.

1. Auditive Wahrnehmung – Hörsinn

Die Ruhe im Wald ist eine Wohltat für dein Gehör und deine Psyche. Da die Ohren durch Stadtlärm, Gespräche und Telefonate über den Tag sehr strapaziert werden, kann es sein, dass du abends auf die kleinsten Geräusche empfindlich reagierst. Dann ist eventuell ein Vogel zu schrill für dich, dem du vor ein paar Tagen noch gerne zugehört hast. Am ehesten beruhigt das Gehör fließendes Wasser an einem Bach- oder Flusslauf.

Möchtest du das Geräusch intensiver hören, platziere deine Hände in offener Haltung hinter deinen Ohren. Möchtest du nur die Geräusche hinter dir hören, platziere deine Hände in offener Haltung vor deinen Ohren. Das ist auch eine schöne Wahrnehmungsübung. Sind Geräusche zu laut, dann entferne dich von dem Geräusch, bis es leise genug ist. Verändere die Situation so lange, bis diese für dich angenehm ist, damit du in die Erholungsphase kommst.

2. Taktile Wahrnehmung – Tastsinn

Führe bei deinen Waldbesuchen eine taktile Wahrnehmungsübung durch, da dann der Körper auch das Hormon Oxytocin ausschüttet. Oxytocin wirkt sich positiv auf unser allgemeines Wohlbefinden aus, fördert das Vertrauen in uns und unsere Mitmenschen und reduziert Angstgefühle sowie Stress. Berühre die Bäume, Pflanzen, einen Tannenzapfen, Zweige oder Moos. Du kannst dabei nicht nur deine Hände, sondern auch die Arme oder Wangen einsetzen. Dies erzeugt unterschiedliche Wahrnehmungen. Spüre die Textur, Form, Temperatur und ob die Dinge trocken, feucht, glatt, glitschig, uneben, weich oder hart sind.

3. Olfaktorische Wahrnehmung – Geruchssinn

Der Geruchssinn ist eine besondere Wahrnehmung, da unser Gehirn ihn nicht filtert. Steigt uns ein Geruch in die Nase, stoppt das Gehirn sofort die momentane Tätigkeit, um den Geruch wahrzunehmen und zu verarbeiten. Das stoppt die Gedankenspirale. Wenn du nur schwer im Wald ankommst oder immer wieder während deines Waldbadens von Gedanken unterbrochen wirst, dann setze vermehrt den Geruchssinn ein. 

Du kannst zum Beispiel an frischem Harz riechen. Frage dich dabei, woran dich der Geruch erinnert. Unser Hirn speichert Erlebnisse sehr intensiv und ungefiltert mit Gerüchen. Daher kann diese Übung überraschende und sehr lebhafte Kindheitserinnerungen hervorrufen. Willst du den Geruch intensivieren, öffne beim Riechen den Mund, lege dabei die Zunge an den Gaumen und schließe die Augen.

Viele verschiedene Übungen und weitere Tipps für dein privates Waldbaden findest du in dieser kostenlosen Waldbaden-Anleitung von Katharina Nathe.

Geschichte des Waldbadens: Kur- und Heilwälder in Deutschland

Die Natur im Rahmen der Gesundheitsvorsorge und Therapie zu nutzen, ist an sich nichts Neues. In Europa haben wir bereits seit dem 18. Jahrhundert moderne Bade- und Kurorte wie Seebäder, Luftkurorte oder Wasserheilbäder, die aufgrund ihrer besonderen Gegebenheiten zu medizinischen Zwecken genutzt werden. Zudem sind Kurorte, Reha-Zentren, Kliniken und Krankenhäuser häufig von Wäldern und Natur umgeben, da wir intuitiv schon immer wissen, dass die Natur unseren Körper und Geist bei der Heilung unterstützt. Neu ist jedoch, die Waldbesuche bewusst mit meditativen und bewussten Achtsamkeitsübungen zu kombinieren und die Walderfahrung so zum Heilmittel zu machen.

Seit 2016 gibt es in Europa den ersten offiziellen Kur- und Heilwald auf der Insel Usedom im Ostseebad Heringsdorf in Mecklenburg-Vorpommern. Die heilsame Kombination aus Wald- und Küstenklima ist besonders förderlich für die Behandlung von Atem- oder Hauterkrankungen. Ergänzend bietet Heringsdorf den integrierten Heilwald mit einem ausgewiesenen Streckennetz und verschiedenen Schwierigkeitsstufen. Auf den Wegen finden sich immer wieder Impulse für besondere Achtsamkeitsübungen wie Gehmeditation oder Atemübungen und Körperübungen für die Motorik, den Gleichgewichtssinn oder die Sensorik.

Auf Usedom wurden der Kur- und Heilwald kombiniert. Heilwälder können jedoch auch unabhängig von Kurorten angelegt werden, wenn sie bestimmte Vorgaben erfüllen. Kurwälder wirken aufgrund von besonderen Eigenschaften gesundheitsfördernd, während Heilwälder speziell angelegt werden, um therapeutische Zwecke zu erfüllen. Der genaue Unterschied von Kurwäldern und Heilwäldern wird in diesen Definitionen ersichtlich: 

„Bei Kurwäldern handelt es sich um Waldgebiete, die aufgrund verschiedener Eigenschaften dazu prädestiniert sind, eine gesundheitsfördernde Breitenwirkung zu entfalten. Aufenthalte in Kurwäldern können dazu beitragen, die Progredienz, Rekurrenz oder die Chronifizierung zu verringern (Sekundärprävention). Die infrastrukturellen Anforderungen tragen dieser erweiterten Funktion Rechnung.”

Heilwälder sind Waldgebiete, die zur therapeutischen Nutzung für Patienten mit speziellen Indikationen gestaltet sind. Behandlungen von Krankheiten im Wald sind geeignet, das Ausmaß der Beeinträchtigung durch diese Erkrankungen günstig zu beeinflussen (Tertiärprävention), wenn sie durch geschulte Therapeuten begleitetet werden. Chronische Krankheiten können lindernd behandelt werden (Palliation).”

Aber egal, ob es sich um einen Kurwald, Heilwald oder schlicht den nächstgelegenen Wald handelt: Jeder Wald ist einen Besuch wert.


Buch-Tipp: 

Waldbaden Buch„Wir lieben Waldbaden – Waldbaden-Wissen, Aufgaben und Erlebnistagebuch für die ganze Familie” von Jasmin Schlimm-Thierjung und Cornelia Wriedt, erschienen bei Lipplerbookz 

 

 

 

 

 

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