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Puja, Tilaka, Arati? Alles über yogische Rituale
Udayaditya Barua auf Unsplash

Puja, Tilaka, Arati? Alles über yogische Rituale

Von Kerstin Linnartz

Sieben Jahre lang lebte ich in Indien, verbrachte im Ursprungsland des Yoga insgesamt mehrere Jahre in Ashrams, lebte mit Sadhus in Höhlen und studierte die Vedanta-Philosophie in der Tiefe. Als Yogini habe ich an unzähligen Ritualen in Tempeln oder bei Naturstämmen im Dschungel teilgenommen und die unglaublichsten Zeremonien erlebt. Im Folgenden gebe ich dir einen kleinen Einblick in die faszinierende Welt der yogischen Rituale.

Rituale gibt es natürlich nicht nur im Yoga. Allerdings gibt es kaum einen anderen Kontext, der so breit gefächerte Rituale bietet, die bis in heutige Zeit gelebt und gepflegt werden. 

Die Geschichte der Rituale: Verschmelzung von Tantra und Veda

Zu den yogischen Ritualen gehören auch viele Elemente, die in modernen Yoga-Klassen vorkommen – etwa die Abfolge von Mantra, Pranyama, Asanas und Meditation. Die haben wir der Verschmelzung zweier Traditionen zu verdanken, die ursprünglich unterschiedliche Ansätze verfolgten: der tantrischen und der vedischen Tradition.

Im Tantra sollte die Selbstkontrolle mithilfe von praktischen Anweisungen erreicht werden, dem gegenüber standen die abstrakten Opferrituale der Rishis (rishi = Seher: die Weisen, denen die heiligen Schriften der Veden offenbart wurden). Die Tantriker sahen die Welt als real an, eine Reflexion des Göttlichen – die vedische Philosophie betrachtete die Welt als eine Illusion, die es zu überwinden galt. Die Tantriker betrachteten den Körper als Hauptinstrument auf dem Weg zur Erleuchtung, die Vedas wolten ihn transzendieren. Aus der Verschmelzung dieser beiden Traditionen entstand letztlich das ganzheitliche Yoga, wie wir es heute kennen. 


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Beispiel: Das Leben im Sivananda Ashram

In den Sivananda Ashrams zum Beispiel, in denen ich in den vergangenen 20 Jahren viel Zeit verbracht  habe, wird explizit aus beiden Richtungen unterrichtet: So praktiziert man dort tantrische Praktiken wie Asanas (Körperstellungen), Kriyas (Reinigungstechniken) oder Pranayama (Atemübungen). Gleichzeitig gibt es vedische Rituale, in denen Swamis (vergleichbar mit Mönchen) oder Priester sogenannte Pujas (dazu unten mehr) vollziehen und dabei Mantras aus den Veden rezitieren. In einem streng festgelegten Tagesablauf wird gemeinsam meditiert, es werden Asanas geübt, und abends treffen sich alle zum Satsang – einer spirituellen Zusammenkunft mit Meditation, Vortrag und Gesang (dazu ebenfalls unten mehr).

Yogische Rituale – von Mantra bis Prasad

Yogische Rituale können also einer spirituellen Gemeinschaft ihren Rahmen geben und den Tagesablauf strukturieren. Ihr Nutzen geht aber noch viel tiefer. Sie geben Yogaklassen und -zeremonien nicht nur einen sinnhaften Ablauf, sondern wirken auch bei den Teilnehmern auf ganz unterschiedlichen Ebenen. So können regelmäßig praktizierte Rituale dich verändern: Du kannst mit ihnen Bewusstheit und Kraft für bestimmte Themen generieren, schlechte Angewohnheiten loswerden – oder damit schlechte Energie aus Räumen vertreiben.  

1. Mantra-Singen

Viele Yogastunden beginnen mit einem Mantra. Das eingangs gesungene Mantra stimmt die Schüler ein und gibt der Klasse eine Richtung. Oft stammt es aus der Tradition, in der der Lehrer selbst steht. Bei unseren Teacher Trainings ist es etwa das „Asato Ma“. Dieses Mantra aus der Brihadaranyaka Upanishad (1.3.28), einer der wichtigsten vedischen Schriften, ist schätzungsweise 2800 Jahre alt. Die Bedeutung des Texts ist vereinfacht mit „Führe uns vom Unwirklichen zur Wahrheit, von der Dunkelheit zum Licht, von der Sterblichkeit zum ewigen Leben“ zu übersetzen.

Hier kannst du es dir anhören:

Yoga Video Anrufung aus der Brihadaranyaka-UpanishadYogaEasy-Video abspielen

Der Wunsch nach körperlicher und geistiger Befreiung und Kraft ist den meisten authentischen Yogatraditionen und -schulen gemeinsam. Steht nun das Ritual eines solchen Mantras am Anfang (oder auch am Ende) einer Yogastunde, unterstreicht es nicht nur den eigenen Wunsch danach, sondern verbindet den bewussten Yogi mit all den Tausenden Yoga-Praktizierenden vor ihm, die dieses Ritual praktiziert haben. Welch eine Kraft in einem kleinen Gebet!

2. Puja

Yogische Rituale: Puja

Die sich multiplizierende Kraft eines bewusst ausgeführten Rituals ist wohl allen yogischen Techniken gemeinsam. Bei einer Puja etwa werden Mantras, Opfergaben und Feuerzeremonien zu einem großen Ritual miteinander verbunden. Dazu versammeln sich die Teilnehmer um den Swami, der die Puja leitet. Sie kann auch von mehreren Swamis oder Mönchen ausgeführt werden. In Indien durfte ich an Pujas teilnehmen, bei denen 108 Mönche über 40 Tage lang Opferrituale vollzogen, um den Frieden in der Welt an bestimmten, astrologisch kritischen Tagen zu schützen.

Die meisten Pujas sind einem bestimmten Zweck gewidmet. So vollzieht mein Lehrer aus Indien immer zu Beginn unserer Yogalahrer-Ausbildungen eine Puja, bei der er Ganesha, der hinduistische Elefanten-Gott und Beseitiger aller Hindernisse, anruft, um das Training unter einen guten Stern zu stellen. Dabei singt er die verschiedenen Namen Ganeshas und ihm gewidmeten Mantras. Gleichzeitig werfen der Swami und alle Teilnehmenden an bestimmten Stellen Opfergaben wie Reis oder Blüten ins Feuer. An die Feuerstelle der Puja können die Teilnehmenden außerdem andere Opfergaben legen, etwa Nahrungsmittel, Geld, Briefe mit Bitten.

Es gibt auch extreme Formen des Puja-Gottesdiensts. In meinem Buch „My Yoga Essentials“ beschreibe ich, wie ich bei einem Naturstamm im Dschungel in eine solche extreme Form eines Feuerrituals geriet, bei dem auch Tiere geopfert wurden. Aber keine Angst: Bei den meisten Pujas geht es blutfrei und friedlich zu!

3. Räucherrituale 

Oft finden im Rahmen einer Puja Räucherrituale statt. In indischen Tempeln findet man  deswegen oft massenhaft Räucherwerk. Das ist vergleichbar mit dem Weihrauch in westlichen Kirchen – und nicht jedermanns Sache. Ich liebe den intensiven Geruch, verstehe aber auch jeden, dem das zu viel ist. Der Zweck der Räucherrituale ist meist eine Reinigung.

Nicht nur in yogischer Tradition wird geräuchert. Auch etwa bei schamanischen Ritualen spielt Rauch eine große Rolle, um unerwünschte Energien zu beseitigen.

4. Tilaka

Yogische Rituale: Tilaka

Ein wunderschönes yogisches Ritual ist der Tilaka, das Stirnzeichen. Zum Ende der Puja gibt der Swami dafür den Teilnehmenden symbolisch ein Zeichen auf die Stirn. Meist wird hier ein roter Punkt aus Kurkuma-Paste verwendet. Er symbolisiert die Verbindung zu Shakti, der mütterlichen Energie. In Indien tragen verheiratete Frauen traditionell einen solchen roten Punkt auf der Stirn. Einige Stämme zeigen ihre Zugehörigkeit auch durch drei graue Aschestreifen auf der Stirn, die für die Verbindung zu Shiva stehen. In großen rituellen Zermonien werden diese Zeichen auch kombiniert.

5. Satsang

Bei einem Satsang werden ebenfalls diverse yogische Rituale kombiniert – es wird Kirtan gesungen, spirituellen Vorträgen gelauscht, meditiert und Etliches mehr. Zum Satsang treffen sich LehrerIn und SchülerInnen, um nach der Wahrheit in bestimmten Themen zu suchen. Hier wird dann über philosophische Fragen und den Sinn des Lebens gesprochen.

Ein gut geleiteter Satsang kann eine lebensverändernde Inspiration sein. Ich habe in jüngeren Jahren über viele Jahre ein bis zwei Mal wöchentlich an Satsangs teilgenommen und dadurch in vielen Bereichen des Lebens Inspiration und Heilung erfahren sowie Wissen auf tiefen Ebenen erlangen dürfen, das mir bis heute hilfreich ist.

6. Arati

Zum Ende des Satsangs wird das Ritual des Arati (arati = Huldigung) abgehalten. Hierfür schwenkt der Swami oder einer seiner Helfer eine Flamme in einer Kampferlampe vor den Bildern der verschiedenen Gottheiten. Dazu werden entsprechende Mantras gesungen. Zum Ende hält der Swami oder sein Helfer die Flamme vor jeden Teilnehmer, der mit einer Handbewegung das Licht über sich streifen kann. Das symbolisiert die Reinigung von Negativem, das restlos verschwinden soll, so wie der Kampfer restlos verbrennt. Gleichzeitig streift man die Weisheit über sich, die im Satsang und durch die Anbetung der verschiedenen Gottheiten und ihrer Bedeutungen entstanden ist und sich nun im eigenen Selbst entfalten darf.

7. Prasad

Ein sehr beliebtes Ritual heißt „Prasad“ (prasada = Barmherzigkeit). Dazu werden meist süße Opfergaben während Pujas oder Aratis neben dem Altar aufbewahrt und nehmen so die postive Energie der Zeremonie auf. Zum Ende werden sie dann verteilt und gemeinsam verzehrt. Mir wurde in einem Ashram mal die Ehre zuteil, als Karma-Yoga-Aufgabe den Prasad vorzubereiten. Seitdem liebe ich es, Süßspeisen zu kreieren, diese mit Liebe und Mantras aufzufüllen und als Dessert meinen Freunden oder Schülern zu reichen.


Du siehst: Yogische Rituale sind weitaus weniger abstrakt oder abgefahren, als manchmal angenommen wird. Und egal, ob du negative Energie loswerden willst oder dich für bestimmte Aufgaben mit positiver Kraft füllen möchtest: Rituale bereichern in jedem Fall dein Leben – nicht nur als Yogi!


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