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Life is live – oder Atha yoga-anushasanam
YogaEasy

Life is live – oder Atha yoga-anushasanam

Von Kristin Rübesamen

„Atha yoga-anushasanam”

Patanjali, Yoga Sutra: Kapitel 1, Vers 1

Salopp übersetzt heißt die erste Sutra bei Patanjali: „Jetzt geht's hier los mit der Einführung zum Yoga. Wirst du aber nur kapieren, wenn du dich mit Haut und Haar drauf einlässt.” Seit einem Jahr sind die Yogastudios fast durchgehend geschlossen. Das tut weh. Gleichzeitig boomt das Geschäft mit Live-Online-Unterricht. Auch wir haben unsere Lehrer gebeten, digital zu unterrichten. Warum eigentlich?

Gerade schrieb mir Selma, dass sie die Live-Klassen mit uns bei YogaEasy so liebt. Sie arbeitet in der Filmbranche, hat einen großartigen Humor und einen Garten, in dem sie Gemüse anbaut. Zum Yoga kommt sie seit vielen Jahren. Wenn sie nicht kommt, dann ist Berlinale. Sie übt auf sehr konzentrierte und unprätentiöse Weise. Wenn ich einmal in einer ellenlangen Sequenz auf der zweiten Seite durcheinandergerate, hilft sie mir wieder auf die Sprünge einfach dadurch, dass sie so übt, wie es richtig wäre. Sie korrigiert mich also auf die liebevollste Weise, die sich denken lässt. Über die Jahre ist sie zur Freundin geworden, und als ich sie fragte, wie sich ihre Praxis während der Pandemie geändert habe, sagte sie: „Mit Corona ist Yoga vom treuen Begleiter zu einem wichtigen Partner geworden. Meine Praxis lebt jetzt von Wiederholung, und diese Wiederholungen haben eine ungeahnte Tiefe mit sich gebracht. Es ist lustig, nach 19 Jahren Praxis habe ich bei einigen Haltungen das Gefühl, sie zum ersten Mal richtig verstanden zu haben. Auch wenn sich äußerlich in meinem Leben nicht viel geändert hat, innerlich ist eine Menge passiert.“ Kein Wort darüber, wie gemein es ist, dass die Studios geschlossen sind, wie hart es ist, nicht mehr essen gehen zu dürfen, und wie ungerecht, nicht mehr reisen zu können.

Yogis kommen besser durch die Krise

Ich frage sie, warum Yogis besser durch die Krise kommen, und sie sagt, das liege daran, dass wir das üben, was man braucht, um eine Krise zu bewältigen: „angstfreie Zuversicht und innere Stabilität“. Wenn jemand erleuchtet ist, das wirst du zugeben, ist es Selma. Live heißt für sie nicht weniger, als in Kontakt mit sich zu treten.

Yoga spricht kein Kontaktverbot aus. Was wohl Patanjali zu den Abstandsregeln (Ahimsa! Saucha!) gesagt hätte? Leider ist er tot. Hör mal für einen Moment einem anderen Philosophen zu. Lesezeit höchstens zwei Minuten.

Patanjali ist tot, aber Jürgen Habermas lebt. Bei Patanjali nennen wir es Erleuchtung, bei Habermas Aufklärung. Habermas analysierte nach dem Krieg als junger Doktorand die 1934 gehaltenen Vorlesungen des Superstars und Philosophen Martin Heidegger, die schlimme Gedanken zur „inneren Wahrheit“ und „Größe“ des Nationalsozialismus enthalten. Er tat das zu einer Zeit, als Heidegger nach ein paar Jahren auf der Strafbank allmählich wieder zu Reputation gelangte, auf ganz bestimmte Weise: analytisch, nachdenklich, nie polemisch. Habermas setzt auf das Vertrauen in die Vernunft, seine Vernunft ist dabei immer eine „kommunikative“. Abgefahren, wenn man sich ansieht, wie die Menschen heute aufeinander einprügeln im Netz. Habermas findet, nur gemeinsam finden wir heraus, was Sache ist. Das finden nicht alle gut, denn was gemeinsam verhandelt wird, ist selten radikal, es ist so sexy, wie endlose Debatten mit Abstimmung und schaler Büroluft eben sind. Kein Thron, von dem aus man „ich” schreien, kein Fels, auf dem man mutterseelenallein im Sonnenuntergang turnen kann, weit und breit.

Wir brauchen den Plural, wir brauchen die Suppe

Debatten sind mühsam, sich zu korrigieren ist anstrengend, korrigiert zu werden vielleicht sogar demütigend (außer Selma tut es). Dass dieses Irren und Debattieren und Korrigieren nervt, liegt daran, dass die Nerven bei vielen von uns blank liegen. Wie auch nicht? Doch die Unsicherheit, die viele von uns spüren, ist nicht nur schlecht. Sie bedeutet Veränderung auf allen Ebenen. Das sagt sich leicht dahin, aber es ist ungeheuer schwierig. Weil man sich eingestehen muss, nicht alles kontrollieren zu können. Fehler gemacht zu haben. Es tut weh, weil wir auf einmal viel mehr darauf achten, mit welcher Selbstgerechtigkeit wir durchs Leben marschieren, mit welcher Hybris wir nur unseren Blick gelten lassen, mit welcher Leichtigkeit wir die Wirklichkeit anderer, ach Quatsch, der meisten Völker der Welt ausblenden. Wir brauchen den Plural, die Vielstimmigkeit, die Notkonstruktion, die Suppe, die uns durch Fenster gereicht wird. Dieser Plural wird viel zu wenig gestärkt. 

„Wer sich solidarisch verhält, ist bereit, sowohl im langfristigen Eigeninteresse wie im Vertrauen darauf, dass sich der andere in ähnlichen Situationen ebenso verhalten wird, kurzfristig Nachteile in Kauf zu nehmen“, sagte Habermas kürzlich in der ZEIT.

Menschen können so viel. Wir können uns entscheiden. Können uns für die richtige Sache entscheiden, können unseren Verstand anschalten und Für und Wider abwägen. Können unsere Fantasie fliegen lassen und neue Ideen entwicklen. Aber wir können es nicht alleine. Wir müssen dabei auf die anderen vertrauen können. Ständig mit dem Gefühl herumzurennen, übervorteilt und verraten zu werden, brennt uns aus. Dieser Geschmack aus bitterer alter Wut ist nicht der Geschmack von Yoga. Grabenkämpfe sind nicht unsere Kerndisziplin. Yoga heißt Gegensätze zu überwinden, ein gemeinsames Fundament zu bauen. Das geht nur mit Vertrauen. Und dem Blick auf das, was funktioniert. Auf so vieles ist Verlass, so vieles funktioniert. Auch wenn es uns jetzt gerade das Herz bricht, wie der Einzelhandel, die Gastronomen, die vielen Selbstständigen und Kulturschaffenden ächzen. Von allen anderen Menschen auf der Welt, die ohne staatliche Hilfen überleben müssen, ganz zu schweigen.

Es darf sie nicht erwischen

Dieses Vertrauen in das, was hält, zu stärken, ist heute die größte Aufgabe im Yoga. Dieses Vertrauen in uns selbst zu stärken, wenn wir uns in abenteuerliche Asanas schwingen oder einfach nur im Hund schwitzen, fühlt sich, und mit Gefühlen kennen wir uns aus, besser an als die aufgeheizte Rage auf Facebook oder Twitter. Es fühlt sich stark und leicht zugleich an. Diese Krise, die wir derzeit erleben in unserer kleinen Yogawelt, ist ein Denkzettel. Gesundheit ist keine Privatangelegenheit. Denken wir daran, wie wichtig es ist, dass die präventive Wirkung von Yoga und Meditation für die Gesundheit aller Menschen gewürdigt und gefördert wird, wie wichtig es ist, Yoga allen Klassen zugänglich zu machen. Diesen Kampf gewinnen wir nur gemeinsam. Denken wir daran, wenn es jetzt noch mal hart wird. Denken wir an die Schwachen, die Alten, die Eltern mit behinderten Kindern, die jetzt fieberhaft auf einen Impftermin warten. Es darf sie nicht erwischen.

Life ist live.

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