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Ist Yoga systemrelevant? Jein.
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Ist Yoga systemrelevant? Jein.

Von Kristin Rübesamen
Nicht weltbewegend, aber auch nicht unbedeutend: Meine Hose ist gerissen. Leute in meinem Haushalt vermuten, es läge daran, dass ich zu viel auf dem Sofa herumliege. Ich vermute, es liegt daran, dass ich immerzu mit dem Fahrrad fahre, aus Sicherheitsgründen. In jedem Fall habe ich zugenommen und die Hose ist gerissen. Womit wir beim Thema sind: Fasten, Fairness und, weil dies eine Yoga-Kolumne ist, Faszien.

Wer fastet, rostet nicht

Theoretisch bin ich ein großer Fastenfan. Die Menschen tun es seit Jahrhunderten, es hat was Asketisches, klärt den Blick auf die Dinge und macht ganz legal schön high. Dazu der legendäre Autophagie-Effekt, der Zellen erneuert und den Körper verjüngern soll. Wer fastet, der rostet nicht.

Andererseits (1) ist das Leben gerade trist genug, und ohne Schokolade schaffe ich es jedenfalls nicht durch den Tag. Ich kaufe also Fairtrade-Schokolade und lese. Während andere Leute Leben retten. Wenn ich nur genug Schokolade esse und Bücher lese, kann ich gut damit leben, nicht systemrelevant zu sein.

Anderseits (2) ist allgemein bekannt, dass ein gelungenes Leben aus Geben und Nehmen besteht. Wer immerzu nimmt, dem wird nicht nachgetrauert, wenn er die Grube fällt. Wer immer nur gibt, schaut irgendwann dumm aus der Wäsche und fällt früher in die Grube, als er will.

Denen, die immer nur geben, wurde während des ersten Lockdowns applaudiert. Die Pflegekräfte selber hätten lieber anständige Bezahlung und bessere Arbeitsbedingungen. Jetzt im zweiten Lockdown wird nicht mal mehr geklatscht. Dabei sind es diese Menschen, die unser Gesundheitssystem tragen. Geben, das tun die Pflegekräfte, aber nehmen dürfen sie nicht. Ist wirklich niemand auf die Idee gekommen, dass es gut gewesen wäre, ihnen am Ende des vergangenen Jahres nicht nur mit einem mickrigen Bonus zu danken, sondern sie endlich anständig zu bezahlen?

Ist Yoga systemrelevant?

Nein, ist es nicht. Wir Yogalehrer können niemanden retten, bei dem die Lunge versagt. Trotzdem können wir relevant dazu beitragen, dass die Menschen im Lockdown nicht durchdrehen. Yogis kommen besser zurecht mit der Krise, sie wissen, nichts ist von Dauer. Sie wissen, Bewegung hilft, Meditieren hilft, die Perspektive zu wechseln hilft. Sofa und Schokolade sind eben nicht genug.

Yoga hat in den vergangenen Monaten einen massiven Bedeutungsschub erhalten. Wer vorher zum Yoga ging, weil es in bestimmten Milieus so üblich ist und weil es einen schönen Po macht, der wird im vergangenen Jahr gemerkt haben, dass Yoga so viel mehr drauf hat, als Statussymbol zu sein.

Yoga in den eigenen vier Wänden zu üben, ist weniger schlecht als sein Ruf. Tatsächlich kann es dabei helfen, die Praxis zu vertiefen. Meine Praxis hat sich geändert im vergangenen Jahr. Verbunden mit Lehrern und Schülern über den Computer habe ich aber vor allem die Verbindung zu mir selbst und zu meiner Kraft gestärkt. Ich habe tief in den Körper gespürt und gemerkt, was er gerade durchmachen muss, habe ihm seine Schwächen nachgesehen, irgendwie haben wir uns richtig angefreundet. Ich übe jetzt seit mehr als 20 Jahren Yoga, aber so viel über Yoga wie im vergangenen Jahr habe ich lange nicht gelernt.

Yoga ist ein Notausgang

Notausgänge sind in der Regel durch blassblau glimmende Lichter markiert. Erinnert sich noch jemand an Kinos? Da stolperte man manchmal auf diese Lichter zu, auf der Suche nach dem Klo, nur um möglichst schnell wieder in die tiefen Sessel zu sitzen und den Menschen auf der Leinwand bei der Liebe zuzusehen.

Yoga führt aus der Scheinwelt zurück in die Wirklichkeit. Die Wirklichkeit hat gerade ein mieses Image, die Gegenwart würden wir gern überspringen, aber nach langem Nachdenken sind mir ein paar gute Gründe eingefallen, warum es sich trotzdem lohnt, in der Wirklichkeit anzukommen: Es kostet viel Energie, sie zu verdrängen.

Energie, die wir auf Schöneres verwenden könnten:

  • Fahrradfahren
  • Lesen
  • für eine faire Bezahlung der Pflegekräfte eintreten
  • Faszien

(Meine Faszien „kämme“ ich auf dem Sofa wie einen alten Hund. Denn für mein System sind sie relevant.)

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