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Ich gestehe: Ich bin voll schlecht im Yoga...
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Ich gestehe: Ich bin voll schlecht im Yoga...

Von Katharina Goßmann

Am ersten Tag meiner YogalehrerInnen-Ausbildung vor vielen Jahren fiel mir eine meiner Mitstreiterinnen auf: Sie hatte eine wunderbare Ausstrahlung, einen Körper, der nach täglichem Yoga aussah, und glitt in jede auch noch so schwierige Asana mit eleganter Mühelosigkeit. Deshalb kippte ich einige Tage später auch fast aus meinem (eigentlich total stabilen) Meditationssitz, als sie nebenbei erwähnte, dass sie erst seit vier Monaten Yoga übe.

Bin ich etwa keine richtige Yogini?

Yoga war zu diesem Zeitpunkt schon seit Jahren ein fester Bestandteil meines Lebens – ich würde sogar sagen, der wichtigste Bestandteil. Aber weder schaffte ich es, täglich zu praktizieren, an konzentriertes Meditieren war nicht zu denken, und was die Yamas und die Niyamas nach Patanjali anging, war auch gut Luft nach oben. Von Pincha Mayurasana und Bird of Paradise ganz zu schweigen.


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Meine Selbstzweifel wurden durch die viel fortgeschrittenere Ausbildungskollegin noch mal so richtig angefacht: War ich eine schlechte oder (noch schlimmer:) keine echte Yogini? Bemühte ich mich nicht genug? Hätte ich eigentlich schon viel weiter sein müssen? 

Wenn ich ehrlich bin, frage ich mich bis heute manchmal, ob ich nicht weiter sein könnte auf meinem Yogaweg. Ob ich mich nicht hätte zwingen sollen, täglich zu praktizieren – sodass ich jetzt ein liebevollerer, glücklicherer, gesünderer Mensch sein könnte. Und dann kommt jedes Mal von tief innen dieselbe Antwort: Du hast getan, was du konntest. Mehr ging nicht, sonst hättest du mehr gemacht. Du musstest all diese Schritte in genau dieser Reihenfolge und in dieser Geschwindigkeit gehen. Alles ist gut. 

Das klingt toll (danke, tiefstes Inneres!). Warum aber quälen mich dann trotzdem immer und immer wieder die gleichen Fragen? Warum kann ich nicht wirklich Frieden machen mit mir, wie ich aktuell eben bin? Ich glaube, es liegt an zwei Denkfehlern, die den meisten von uns unterlaufen:

Denkfehler Nr. 1: Es ist wichtig, wie es aussieht

Tatsächlich ist das Gegenteil korrekt: Es ist völlig irrelevant, wie etwas von außen aussieht. Das lehrt uns schon Social Media. Der eine hat das beeindruckendste Instagram-Profil aller Zeiten und hängt tagtäglich tief in destruktiven Verhaltensmustern und verstrickten Beziehungen fest. Der andere hatte noch nie auch nur ein vorteilhaftes Profilfoto und ist zufrieden, gesund, von liebevollen Menschen umgeben und lebt seine Berufung.

Tief in uns drin steckt aber immer noch die Idee, dass diejenigen mit den geschmackvollen Klamotten, der guten Haut oder dem beeindruckenden Eigenheim irgendwie glücklicher oder besser sind. Und das ist schlicht falsch. Ich wiederhole es noch einmal: Wie etwas aussieht, lässt keinerlei Rückschlüsse auf irgendetwas zu.

Denkfehler Nr. 2: Ich müsste doch eigentlich auch so sein wie...

Ähnlich sinnlos sind Vergleiche. Ganz offensichtlich haben wir alle unterschiedliche psychische und physische Ausgangslagen: Es soll Menschen geben, die in meditierende Yogalehrer-Familien hineingeboren werden, die sich vegan ernähren und gewaltfrei kommunizieren – und ich eben in eine streng materialistische Familie, bei der die gewinnen, die am lautesten schreien, und alles, was nicht aus Fleisch besteht, nicht als Nahrungsmittel gilt.

Genauso gibt es Menschen, die mit einem strahlenden Teint geboren werden, einer vorteilhaften Figur und einer beeindruckenden Hyperflexibilität – und solche, die von Mama die Reiterschenkel und von Papa die Akne geerbt haben. Das mag man Glück/Pech nennen oder einfach nur Vielfalt der Natur. Jedenfalls sind es unterschiedliche Ausgangslagen, für die niemand etwas kann und die trotzdem für deutliche Unterschiede in der Außenwahrnehmung sorgen.

Nicht dass wir uns missverstehen: Ich bin in keinster Weise ein Fan des deterministischen Denkens. Meiner Meinung nach sind weder Gene noch „die Gesellschaft” noch meine Eltern dafür verantwortlich, wie ich gerade bin. Ich glaube fest daran, dass die Verantwortung voll und ganz in meiner Hand liegt und totale Transformation möglich ist.

Tatsache ist aber, dass die Hindernisse, die dieser Transformation im Weg stehen, und die Länge des Wegs zum Ziel sich von Mensch zu Mensch massiv unterscheiden. Insofern ergibt es schlicht keinen Sinn, sich mit anderen zu vergleichen. Nicht in Hinblick auf Äußeres (siehe Denkfehler Nr. 1) und genauso wenig in Hinblick auf die innere Entwicklung.

Das einzig Wichtige: Gehst du in die richtige Richtung?

Das Entscheidende ist also nicht, wo du stehst (und wie das von außen aussieht) – sondern in welche Richtung du unterwegs bist. Bemühst du dich täglich, dich und andere mit deinem Verhalten glücklicher zu machen? Bleibst du auch dann auf deinem Weg – und liebevoll mit dir –, wenn du so richtig Mist gebaut hast? Bist du tief in dem Glauben verwurzelt, dass du deine Ziel erreichen kannst, egal wie weit der Weg dorthin ist?

Solange du in die richtige Richtung gehst, solange du vorankommst auf deinem Weg, ist alles gut. Keiner außer dir weiß, wo du herkommst, keiner außer dir kann einschätzen, wie gut du vorankommst. Wenn du Pausen brauchst auf deinem Weg, nimm sie dir. Wenn es mal trotz großem Bemühen nicht vorangeht, bleib entspannt. Auch Umwege, sogar Rückschritte, sind notwendige, manchmal sogar extrem wertvolle Teile deines Weges. Halte einfach die Augen auf das Ziel gerichtet, und genieße die Reise. 

Apropos Reise: Der amerikanische Power-Yoga-Lehrer Bryan Kest wundert sich immer, wenn Schüler sich ärgern, weil sie eine neue Asana nicht sofort beherrschen: „Das ist doch viel interessanter, eine Asana zu erarbeiten, als sie sofort zu können. Das Wichtige ist nicht, in der Vorwärtsbeuge die Zehen zu erreichen – sondern das, was auf dem Weg dorthin passiert.”

Das Geschenk des Yoga: Danke!

Mittlerweile weiß ich: Ich bin richtig gut im Yoga. Und zwar nicht, weil ich ausgebildete Yogalehrerin bin, ein paar Sanskrit-Tattoos habe und mich ganz gut in der Yogaszene auskenne. Sondern weil ich meinen Weg seit 15 Jahren mit Yoga gehe. Weil ich mich durch Yoga so gut kennengelernt habe, dass ich immer öfter bewusst entscheiden kann, wie ich mich verhalten möchte, immer häufiger mein Leben so gestalten kann, wie ich es für richtig halte. Weil ich dank Yoga meinen Körper lieben gelernt habe und ihn heute mich mehr in „fortgeschrittene” Asanas quäle, um mich und andere zu beeindrucken, um „besser” zu werden, schöner und schlanker, sondern schlicht die Übungen mache, die mir an dem Tag guttun. Weil mich Yoga, Meditation und Achtsamkeit so viel gelehrt haben – was es wirklich bedeutet zu lieben, dass ich nicht meine Gefühle und Gedanken bin, wie mächtig Dankbarkeit ist und so vieles mehr – und mir so im Laufe der Jahre immer weniger tiefschwarze und immer mehr strahlend helle Tage beschert hat.

Danke, Yoga, du bist gut für mich.

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