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Hatha yoga sex
Bild: yogaeasy

H wie Gewalt und Sex

Von Kristin Rübesamen

Ok, bist du bereit für die Wahrheit? Familien sind deshalb so toll, weil wir sie uns nicht aussuchen können. Wir werden in sie hineingeboren. In der Regel geht es glimpflich aus. Aber wer von seiner „Herkunftsfamilie“ redet, tut das im Allgemeinen aus dem Bedürfnis heraus, sich zu distanzieren. Wahrscheinlich war’s dann nicht so toll.

Was hat das alles mit Hatha Yoga und Sex zu tun? Nur die Ruhe. Ich muss noch rasch eine fachwissenschaftliche Untersuchung der Historikerin Martina Steer von der Humboldt-Universität zu Berlin zu Ende lesen, die sich die Frage stellt: Sind Frauen die Verliererinnen der Corona-Krise? Hätte sie nur mich gefragt. Ich hätte Ja gesagt, und wir hätten gemütlich ins Café gehen können. Aber nein, sie holt endlos weit aus und steigt richtig tief ein in die Frauen- und Geschlechtergeschichte. Das macht sie richtig gut (Lies selbst).

Zurück zu Hatha Yoga und Sex. Da Krisen die ideale Gelegenheit sind, mit Irrtümern aufzuräumen und Licht ins Dunkel (wie wir Yogis und Platon sagen), zu bringen, würde ich gern ein bisschen am Mythos, der sich hartnäckig um den Begriff des Hatha Yoga rankt, rütteln. Nicht fachwissenschaftlich, Gott bewahre, dafür mit Blick auf die chauvinistische Ausrichtung in der Yogawelt der vergangenen Jahrhunderte. 

Der Mythos des Hatha Yoga

Hatha Yoga wird heute von den meisten als irgendwie mystische Vereinigung von Gegensätzen verstanden, ausgehend von den Sanskrit-Silben „ha“ und „tha“, Sonne und Mond. Auf dem Kursplan eines Fitnessstudios gelten Hatha-Yoga-Stunden als weniger anstrengend, der Stil wird von Vertretern konkurrierender Methoden mit einiger Überheblichkeit als „Schaffell-Yoga“ verhöhnt. Das „hath“ auf Sanskrit auch heißt, etwas mit Gewalt zu behandeln, passt da nicht ins Bild. Die unappetitlichen Elemente von Gewalt, Sex und Magie, die Hatha Yoga historisch anhaften und ganz nebenbei als Zweig des Tantra Yoga ausweisen, einer Yoga-Tradition, in der Wille und die Umlenkung sexueller Energie zur Erleuchtung führen sollen, all kehrt die Wellness- und Yogaindustrie lieber unter den Teppich. Das war früher anders.

Yogis interessierten sich nämlich schon immer für Branding. Auch Yogis im Mittelalter mussten überleben und sich überlegen, wie. Eine Möglichkeit war der Kampf. Yoga mit seinen übernatürlichen Fähigkeiten verlieh den Kriegern eine Aura von Unbesiegbarkeit und sorgte auf dem gegnerischen Schlachtfeld für Panik.

Es ist bekannt, dass es so gut wie keine Frauen im Yoga gab. Es gibt sie, zur Erinnerung, erst seit weniger als hundert Jahren. Dass Yoga sich ab Mitte des 20. Jahrhunderts kontinuierlich vom Geheimtipp zum Statussymbol wohlhabender Frauen in Sachen Gesundheit entwickelte, ist der Hartnäckigkeit vor allem einer Frau zu verdanken: der Tochter eines schwedischen Bankdirektors und einer russischen Adligen, besser bekannt als Indra Devi, die mit einer Herzerkrankung zu Krishnamacharya, einem Yogalehrer am Hof eines indischen Fürsten in Mysore, kam und durchsetzte, beim Meister eine Lehrerinnenausbildung zu machen (der schöne Film über Krishnamacharya „Der atmende Gott” erzählt dessen Leben).

Die Hatha Yoga Pradipika als Sex-Ratgeber

Doch die ganzen Jahrhunderte zuvor war Yoga Sache der Männer. Yogis waren Herumtreiber, die sich verrenkten, um Geld einzuheimsen. Manche ließen sich lebendig begraben, um ihre übermenschlichen Kräfte zu zeigen, wie ein Fakir, der sich im Palast des Maharadscha Ranjit Singh 1837 40 Tage in eine Holzkiste sperren ließ, überlebte und zur Belohnung mit einer Perlenkette und Seide beschenkt wurde. Yogis schmierten sich mit der Asche von Begräbnisfeuern ein, um ihren Triumph über die Vergänglichkeit des Körpers zu demonstrieren. Yogis kauten Opium. Yogis überfielen Handelskarawanen. Yogis heuerten als Söldner an und waren nicht kleinlich, wenn es darum ging, Schutzgelder zu erpressen. Yogis standen im Ruf, Landstreicher zu sein, die zwar eine Menge über Erleuchtung wussten, aber auch kein Problem damit hatten, auf der Reise zu Samadhi die Abkürzung über sexuelle Ekstase zu nehmen. Ja, Yogis feierten Orgien. Wo bleibt da die Askese, fragen sich Puristen heute und vielleicht auch schon im 15. Jahrhundert, als mit dem heiligen Buch, der Hatha Yoga Pradipika, ein, wie wir heute modern sagen würde, Sex-Ratgeber herauskam.

Die Betonung der vielen Sitz-Positionen in der Pradipika hat einen Grund. Sicher ging es auch darum, einen soliden und bequemen Sitz für die Meditation zu finden, aber es ging eben auch darum, buchstäblich Druck auf das Perineum auszuüben, um diese Region zwischen Anus und Genitalien erotisch zu stimulieren. Auch wer sich dafür interessierte, den Geschlechtsakt zeitlich zu verlängern, war bei der Hatha Yoga Pradipika an der richtigen Adresse und konnte dazulernen, mit dem Hinweis, dass es nicht immer einfach sei, die passende Partnerin zu finden. 

Sexuelle Ekstase, rituelle Grausamkeit, übermenschliche Fähigkeiten wie Auf-Wasser-Gehen, Tote-zum-Leben-Erwecken, Hellsehen, Sich-unsichtbar-Machen, Fliegen, Seinen-Herzschlag-und-die-Atmung-Aussetzen: alles zu finden auf der To-do-Liste der Yogis der Vergangenheit. Sie mögen einen zweifelhaften Ruf gehabt haben, verschwendeten sicher keinen Gedanken an Altersvorsorge und brachten auch nie den Müll nach unten, aber sie hatten definitiv: Fun. 

Die Frauen, schreibt Martina Steer in ihrer Untersuchung, machen dagegen seit Jahrhunderten das, was man heute Care-Arbeit nennt. Sie kümmern sich, sie pflegen, sie planen, sie waschen und kochen und trösten und bezahlen. Sie tun es in ihren Familien, und sie tun es als schlecht bezahlte Dienstleistung für andere Familien. Wenn Frauen in unserem Jahrhundert vagabundieren, dann von Osteuropa zu uns herüber, um unsere Familien zu unterstützen. Als sie in den Corona-Monaten mit Abschaffung der Freizügigkeit nicht mehr kommen konnten und nichts mehr verdienten, saßen die Frauen da, hier wie dort, alleingelassen mit Homeschooling, Haushalt und der Pflege älterer Familienmitglieder. Die massiven Folgen, die Frauen, die Mütter werden, auf sich nehmen, und die von der Wissenschaft als „Gender Lifetime Earnings Gap“ (Einbußen von 40 Prozent gegenüber kinderlosen Frauen) bezeichnet werden, hat die Corona-Pandemie noch verschärft. Von einer Schlacht zu sprechen, ist vielleicht nicht populär, aber dass es verdammt ungerecht zugeht, darin sind wir uns sicher einig.

Moderne Schlachtfelder

Wenn es also heute Schlachtfelder gibt und Kriege, die gefochten werden müssen, dann finden diese auch in den Familien statt. Noch mal: Wir können uns unsere Familien nicht aussuchen, unsere Herkunftsfamilien nicht, und manchmal auch nicht die Umstände, in denen wir uns mit unseren frei gewählten Familien wiederfinden. Wenn es hart wird, dann sollten wir kämpfen. Und eine kleine Portion Hatha Yoga zu uns nehmen. Wenn unsere Waffen auch anders aussehen.

Kriegerin zu sein, heißt, im Chaos die Übersicht zu behalten, großzügig zu sein, wenn die anderen kleinlich werden, mutig zu sein, wenn die anderen Panik schüren, zusammenzuhalten und offen zu bleiben, wenn die anderen die Grenzen schließen. Deshalb ist die Praxis, Yoga zu üben, so wichtig, denn all diese Tugenden üben wir, wenn wir zum Soundtrack von „Staying Alive“ unsere Sonnengrüße machen: Yoga zu üben, den Partner Yoga üben zu lassen, Zeit zu finden für die tägliche Meditation (zehn Minuten!). Es klingt natürlich verlockend, sich mit Asche zu beschmieren und mit Opium zuzudröhnen, aber wenn wir die Schlacht gewinnen wollen, in die uns ein nächster Lockdown möglicherweise an der Familienfront führt, dann gibt es nur eins: unsere tägliche Praxis, warme Fußbäder, Sex und der Vers 108 des 4. Kapitels der Hatha Yoga Pradipika, der uns dazu inspiriert, das Leben auch in Zeiten von Veränderung „ungebunden und frei von Todesangst” zu leben.

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