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Einsam an Weihnachten? Du bist nicht allein
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Einsam an Weihnachten? Du bist nicht allein

Von Kristin Rübesamen

Statistisch sind an Weihnachten nicht mehr Menschen allein als an jedem anderen Tag im Jahr. Sie sind nur einsamer. Denn Weihnachten ist ein Fest, an dem diejenigen zusammen sind, die nicht ohne einander sein wollen. Wer also an diesem Tag allein ist, ist das entweder, weil er niemanden hat, den er so sehr mag, oder weil ihn niemand so sehr mag.

Wie sehr dieses Bedürfnis zusammenzukommen tatsächlich in uns steckt, wie sehr es uns durch Tradition und Erziehung zur Gewohnheit geworden ist, spielt kaum eine Rolle. Tatsache ist, dass Menschen, die diesem Brauch nicht folgen, in Erklärungsnot geraten – nicht nur der Gesellschaft gegenüber, sondern auch sich selbst. Insofern sind das Coronavirus und die damit verbundenen Einschränkungen eine gute Nachricht: Wer nämlich an diesem Weihnachten allein ist, muss sich nicht länger eine Entschuldigung aus den Fingern saugen, gerät nicht in Erklärungsnot und hat nicht das Gefühl, wie sonst einen Offenbarungseid leisten zu müssen.


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Trotzdem kann das Gefühl, es in irgendeiner Weise nicht geschafft zu haben, überwältigend sein. Denn haben nicht alle anderen während der Corona-Pandemie wenigstens einen lieben Menschen, mit dem zusammen sie an der Gans herumsäbeln können? Haben nicht alle anderen den größten Spaß auf der Kochinsel, mit der eigens bestellten Feuerschale auf dem Balkon oder mit der neuen Playstation 5?

Nein, haben sie nicht. Weihnachten war immer problematisch, schon für die, von denen der Mythos zuallererst erzählte, nämlich für die kleine Familie – denn, wie Luther so schön übersetzt: Maria, die war schwanger. Diese Maria hätte heute in unserem Land größte Probleme, ein Dach über dem Kopf zu finden. Fremd, hochschwanger, keinen gültigen Corona-Test in der Tasche. Nur mal rasch zur Erinnerung für alle, die wir Zentralheizung, Netflix und Zimtsterne zu Hause haben: Sich bewusst zu werden, dass man im Warmen sitzt, in Sicherheit mit einem funktionierenden Gesundheitssystem lebt, das sollte den Schleier der Traurigkeit ein wenig lüften.

Strategie 1
Es ist, wie es ist. Die Situation anzunehmen, wie sie ist, befreit von der ungeheuren Anstrengung, sich in die Tasche zu lügen.


Alles schläft, einsam lacht

Mögen andere mit ihrem Fonduebesteck herumhantieren, wir Yogis haben ein viel schöneres Instrument: unsere Aufmerksamkeit. Schauen wir, die wir alleine sind, dieses Alleinsein also genau an. Wie fühlt es sich an? Nur schlecht oder auch ein winziges bisschen gut? Leben wir am Ende genau so, wie wir leben, weil wir uns insgeheim dafür entschieden haben?

Nun ja, für die meisten dürfte eine solche Bestandsaufnahme schmerzlich sein. Betroffen von der Einsamkeit sind längst nicht nur alte Leute, sondern auch junge Leute, auf den ersten Blick gut eingebettet in ihren sozialen Netzwerken. Sie fühlen sich laut einer britischen Studie, die im Zusammenhang mit der Aktion „ A Life Less Lonely“ (übersetzt: Ein weniger einsames Leben) entstand, isoliert. Sie sehnen sich nach „echten” Begegnungen und das nicht nur zur Weihnachtszeit.

An Weihnachten alleine zu sein, wäre vermutlich viel leichter zu ertragen, wenn dahinter nicht eine grundlegendere Erfahrung von Isolation stecken würde. Wer das ganze Jahr mit Freunden und Familie in Kontakt steht, kann ein paar Tage in Ruhe gut wegstecken. Wer das ganze Jahr über nicht weiß, wen er anrufen soll, wenn es ihm schlecht geht, der wird die leergefegten Straßen und die Stille in der Stadt nicht als erholsam, sondern als zutiefst bedrückend empfinden. Also:

Strategie 2
Bilanz zu ziehen, kann auch ein Anfang sein. Wenn dir etwas nicht gefällt, wer hindert dich daran, es anders zu machen?


Einsamkeit ist so ungesund wie 15 Zigaretten täglich

Eine Studie der Brunel University kam zu dem Ergebnis, dass die Einsamkeit an Weihnachten halb so wild und als weniger schmerzhaft empfunden würde als zum Beispiel im Sommer, wenn die Tage lang sind und alle auf der Straße mit einem Aperol Spritz herumstehen. Trotzdem gilt natürlich: Einsamkeit tut weh. Und ist ungesund.

Es sind nicht nur die Dauerstimulation und der faktische Stress in der Großstadt, die die Menschen verändern und anfällig machen für psychische Krankheiten. Mazda Adli, Leiter des Forschungsbereiches Affektive Störungen an der Berliner Charité und Chefarzt der Fliedner-Klinik, sagte vor einiger Zeit dem Spiegel, dass „Stress dann gesundheitsrelevant wird, wenn der Einzelne sich nicht nur räumlich eingeengt und zugleich isoliert fühlt, sondern auch das Gefühl hat, seine Umgebung nicht kontrollieren zu können. Das ist die toxische Mischung.“


Wenn du dich gerade gestresst fühlst – aus welchem Grund auch immer –, hilft dir vielleicht diese Resilienz-Yoga-Sequenz für mehr innere und äußere Kraft:

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Vielleicht deshalb werden „Migranten, die in einem sozial schwächeren Viertel zusammen lebten, seltener psychisch krank als solche, die allein in einer besser gestellten Umgebung wohnten.” Hm, nur was bringt so ein Vergleich? Deswegen leben Migranten trotzdem unter ungleich schlechteren Bedingungen. Und lenkt die Schlagzeile, dass Einsamkeit so ungesund sei wie 15 Zigaretten täglich, nicht von den eigentlichen Ursachen ab? Wir leben in einer krassen Leistungsgesellschaft und sollten uns als Erstes von unserer Selbstdarstellungsucht befreien. Sobald wir nämlich jemand anderen in den Fokus rücken als uns selbst, verschiebt sich die Wahrnehmung, also:

Strategie 3
Tue etwas Sinnvolles an Weihnachten. Rufe eine alte Tante an, pflanze einen Baum, bring der Caritas ein paar wirklich gut erhaltene Winterstiefel.


Psychisch krank durch Ausgrenzung

Dabei muss man genau hinsehen. Frau Müller wird an Weihnachten vielleicht von ihrem Neffen auf einen Eierlikör besucht und darf sich glücklich schätzen, auf der Straße nicht abfällig angeschaut zu werden. Wenn der aber wegen der Corona-Pandemie lieber in Bielefeld bleibt? Denn dann, ahnt der Direktor der Charité-Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Prof. Andreas Heinz, in einem Interview mit Spiegel-Redakteur Jörg Blech, wird es eng: „Wenn zu viele gewachsene, soziale Strukturen weggespart werden, reißt das Auffangnetz irgendwann.“ Ob eingewandert oder alteingesessen: Durch die Gentrifizierung von Straßen und ganzen Stadtvierteln fallen die Anlaufstellen weg, an denen sich Menschen treffen und austauschen können.

Strategie 4
Finde eine Frau Müller in deiner Nachbarschaft und verwickle sie in ein Gespräch. Finde heraus, was sie mag und schenk es ihr (wird schon kein Porsche Cayenne sein).


Yoga verbindet: Aber manchmal tut es auch ein Spaziergang

Und wie steht es nun um uns Yogis, die wir doch Experten im „Yogen”, also in der Verbindung sind, von Körper und Geist, von uns mit einer Macht, die größer ist als wir, von uns mit der Yoga-Community? Was heißt das für uns Yogis, die wir schließlich Experten darin sein wollen, Weltmeister in Wahrnehmung und Achtsamkeit, die hastig auf die Matte stürzen, ohne nach links und rechts zu schauen? Was würde es bedeuten, die Sinne einmal nicht nach innen zu ziehen?

Ganz einfach: Reden wir mit unsern Nachbarn. Reden wir nicht nur mit den Nachbarn, die wir kennen, sondern auch mit denen, die wir nicht kennen. Laden wir an Weihnachten jemanden ein, der allein ist. Haben wir keine Scheu davor, eine Abfuhr zu kassieren. Vergessen wir nicht, dass jeder gern eingeladen wird. Selbst wenn er die Einladung ablehnt, wird er sich besser fühlen. Denken wir nicht, wir sind fein raus, nur weil wir im Kreis unserer Liebsten einen Karpfen zerteilen und das Weihnachtsoratorium besonders laut aufdrehen, um nicht die Stille von nebenan zu hören. Nächstenliebe heißt, die Tür aufzumachen, nicht zu. Nicht nur in Zeiten des Coronavirus, aber doch besonders jetzt.

Strategie 5
Augen, Herzen und Türen auf!


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