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Drashta – der innere Beobachter
Xenia Bluhm

Drashta – der innere Beobachter

Von Birgit Feliz Carrasco

Der Yogaweg ist lang. Wir entwickeln uns stetig weiter und streben nach innerer Ruhe, Gelassenheit und Neutralität. Stufe um Stufe geht es hinauf, um Höhe und weitere Perspektive zu gewinnen, denn sie ist nötig, um mit wachsender Bewusstheit auf das Leben zu blicken. Je weniger wir an Begebenheiten und Erfahrungen des Lebens anhaften, desto mehr Raum entsteht im Inneren für tiefe Zufriedenheit.

Zeuge des eigenen Lebens zu sein ohne dramatische Verstrickungen – wäre das nicht schön? 

Yoga und die Fragen des Lebens

Du beginnst deinen Yogaweg auf der Suche nach Bewegung, Gesundheit und Ganzheit. Allmählich stellt sich dir die Frage nach dem wahren Sinn deines Lebens. Du lernst mit Yoga und meditativen Elementen verschiedene Facetten von dir kennen, die sich körperlich, mental und emotional ausdrücken. Du führst stille Gespräche mit dir selbst, zwei oder mehr Stimmen diskutieren miteinander, ob du nun zur Yogastunde ins Studio gehst oder es dir doch lieber mit Tee und Keksen auf deinem Sofa gemütlich machst.


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Wer spricht da in dir mit wem? Und wer verurteilt dich, wenn du dich für Tee und Kekse entscheidest? Wer oder was verstrickt sich in deinem Leben immer wieder in ein Bewertungssystem? Und vor allem: Was machen diese Selbstbewertungen mit dir?

Und so kommst von der Frage nach der Abendgestaltung – „Yoga oder Kekse?” – zu der Frage „Wie viele bin ich?”, weil du mehr und mehr von deiner inneren Welten wahrnimmst...

Die vielen Ebenen des „Ich”: Du bist viele

1. Du bist Körper

Du bestehst aus einem feststofflichen Körper und mehreren feinstofflichen Körperhüllen. Deinen Körper nimmst du wahr, wenn du hungrig oder durstig bist, wenn du Müdigkeit oder Schmerzen spürst, und handelst oft instinktiv entsprechend deiner körperlichen Bedürfnisse.

2. Du bist Geist

Du hast einen Verstand, der deine Persönlichkeit ausmacht. Deine geistigen Fähigkeiten nimmst du wahr, wenn rationale Handlungen oder Erwägungen anstehen und du emotionale Empfindungen erlebst. Dein Verstand wertet und beurteilt deine Wahrnehmungen und entscheidet sich dann für Reaktionen (außer, es laufen automatische, unbewusste Reiz-Reaktions-Muster ab).

3. Du bist Seele

Du bist ein feinstoffliches Wesen. Deine Seele ist sozusagen eine irdische Abordnung deines höheren Selbst, das mit der Urquelle, der schöpferischen Göttlichkeit, verbunden ist. In ruhenden, gedankenlosen Momenten nimmst du deine Seele wahr. Solche Momente sind Vorstufen der Bewertungsfreiheit.

4. Du bist Bewusstsein

Du verfügst über ein Alltagsbewusstsein, mit dem du deine Umgebung wahrnimmst und Erfahrungen sammelst. Außerdem hast du ein Traumbewusstsein und ein inaktives höheres Bewusstsein, dessen Aktivierung Ziel des Yoga- und Meditationswegs ist. Im Zustand des höheren Bewusstseins löst du dich aus den Verstrickungen und Bewertungen des irdischen Alltags.

5. Und jetzt wird es interessant: Du bist Zeuge

Im Zustand höheren Bewusstseins zu verweilen, ist die Stufe der Loslösung von Emotionen, ob sie nun günstig oder ungünstig sein mögen. Wenn das passiert, wird etwas aktiv, das wir „den inneren Zeugen” nennen. Der nimmt wahr, bezeugt Erfahrenes – wertet jedoch nicht, haftet nicht schmerzlichen Erfahrungen an oder der Sucht nach Glücklichsein. Der innere Zeuge nimmt aus hoher Perspektive mit unbegrenztem Panoramablick wahr, ohne Wahrnehmungen zu bewerten oder an ihnen zu haften. Als Zeuge deines Seins bist du frei.

Wenn du von dieser Freiheit kosten willst, dann probiere diese wunderbare Meditation von Christina Lobe zum inneren Beobachter aus:

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Drashta – dein losgelöstes Selbst

Lass uns diesen innneren Zeugen genauer betrachten. Stell dir vor, du siehst einen Film, in dem sich ein Paar trennt. Ein Partner ist glücklich mit der Trennung, er war der aktive Part, der zweite Partner ist unglücklich, er wird verlassen und fühlt sich allein. Du fühlst mit. Du entscheidest dich empathisch für die eine oder andere Seite, haftest dich an die Emotionen der Protagonisten. Dein Verstand konstruiert die Vorstellung, dass du eine der beiden Personen sein könntest und projiziert Szenarien, in denen es dir genauso ergehen könnte. Je nach Identifikationsgrad und Handlung fühlst du dich während des Films (und vielleicht noch länger darüber hinaus) entsprechend gut oder schlecht.

Aber tatsächlich bist du ja nur Zeuge einer fiktiven Story, die dich nicht persönlich betrifft. Und jetzt kommt es: Genau genommen tust du nämlich genau das auch bei allen Begebenheiten in deinem realen Leben – in deinem persönlichen Lebensfilm. Du verfängst dich angesichts der Geschehnisse in Emotionen, entwirfst Zukunftsszenarien, projizierst Absichten und Gefühle in andere hinein und entwickelst passend zu all diesen Gedanken Gefühle, in denen du dich – more often than not – hoffnungslos verhedderst. Oh, was für Dramen sich da abspielen! Achterbahnfahrten zwischen Glück und Leid...

In dem Moment, in dem du aber zeitweilig oder permanent in die Rolle des inneren Zeugen schlüpfst, hören die Dramen auf. Die wilden Fahrten zwischen den höchsten Höhen und den tiefsten Tiefen verflachen sich – und dein Leben, das wird endlich wieder direkt spürbar und fühlt sich plötzlich so entschleunigt an, so ruhig und klar. Denn Drashta, dein innerer Zeuge, ist von allen Projektionen und Emotionen losgelöst, zieht keine Schlüsse, kommt nicht zu Erkenntnissen, sondern ist neutral und vollends frei von den Dramen des Alltags. Ein Zustand des Beobachtens ohne zu bewerten. Sehen ohne Anhaftung. Erkennen ohne Schlussfolgerungen und Reaktionen.

Werde mit Yoga zum Beobachter

Beobachter des eigenen Lebens zu sein, macht dich frei und leicht. Die meisten Menschen entschieden sich, bewusst oder unbewusst, für die Identifikation mit dem Drama: also das „Das mache ich – das habe ich – das fühle ich – das bin ich.” Yogis und Yoginis suchen nach Gelassenheit, Neutralität und Desindentifikation und entwickeln sich kontinuierlich in Richtung der Erkenntnis: „Das mache ich – das habe ich – das fühle ich – aber das ist nicht mein wahres Ich.” 

Und dabei hilft Yoga. Der philosophische Yogaweg bietet das Ziel der inneren Neutralität, das du über ethische Werte wie Yama und Niyama, über die Praxis von Asana, Pranayama und die Meditations-Stufen Pratyahara, Dharana und Dhyana erreichen kannst. Letztlich sind diese aufgezählten Yoga-Disziplinen Übungen, die zur Selbstbeobachtung befähigen und durch das Entleeren des irdischen Geists Platz schaffen für eine objektive Distanz und eine Instanz, die neutral auf alle Geschehnisse und Erfahrungen schaut, aber ihneh nicht anhaftet. Aus einem zwanghaft Agierenden wird dann ein wertungsfreier Zeuge.

Aber dieser Yogaweg will konsequent gegangen werden. Eine tägliche Praxis ist dazu unabdingbar. Damit sind keine 90 Minuten Asana-Übungen gemeint. Aber mindestens zehn Minuten Meditation sollten es schon sein. Überhaupt, Meditation: Egal, wie alt du bist, wie viel du zu tun hast, welche körperlichen Einschränkungen du hast – zehn Minuten Meditieren am Tag schafft JEDER. Und Meditation ist der effektivste Schlüssel zur Desidentifikation.


Hier findest du wertvolle Tipps, wie es dir als Meditations-Anfänger gelingt, eine regelmäßige Praxis zu etablieren.  


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Ein bisschen erlebst du dich in der Rolle des Beobachters beispielsweise bei dem Gefühl der Körper- und Kopfleere nach einer Asana-Session oder Meditation. Für einige Minuten bist du im Zustand der Neutralität, beobachtest nur deine Atmung, statt an die To-dos des Alltags zu denken. Vielleicht gelingt es dir sogar, aus deinem Körper zu treten und dich sitzen oder liegend auf der Matte in Shavasana zu sehen. 

Meditative Übung zur Desidentifikation

Es ist empfehlenswert, alle nachstehenden Affirmationen (in meinen Worten frei nach Ken Wilber) so oft wie möglich zu wiederholen – im Alltag, bei spezifischen Erlebnissen, während deiner Asana-Flows oder bei deinen Meditationen. So initiierst du deinen Weg vom verstrickten Sein zur Desindentifikation und Freiheit.

Ich habe einen Körper, aber ich bin nicht mein Körper.

Ich schätze meinen Körper, behandele ihn bestmöglich, schätze ihn als lebendige Hülle in diesem Leben. Ich habe einen Körper, aber ich bin nicht mein Körper.

Ich habe einen Geist, aber ich bin nicht mein Geist.

Ich schätze meine geistigen Fähigkeiten, setze meinen Verstand ein, wann immer es hilfreich ist, in meinem Leben. Ich habe einen Geist, aber ich bin nicht mein Geist.

Ich habe Gefühle, aber ich bin nicht meine Gefühle.

Ich schätze meine Gefühle und beobachte sie. Ich bin mir bewusst, dass meine Gefühle mich leiten und auch fehlleiten können. Ich habe Gefühle, aber ich bin nicht meine Gefühle.

Ich bin mein wahres Selbst.

Mit meinem Körper, meinem Verstand und meine Gefühlen nehme ich wahr, aber ich bin mehr. Ich bin mein wahres Selbst.

Exkurs: Innerer Zeuge, Sehender oder wahres Selbst?

Zum „inneren Zeugen” sind einige Begriffe im Umlauf, die aus dem Sanskrit übersetzt und modern interpretiert wurden. Eine genaue Übersetzung ist deshalb schwierig, denn Sanskritbegriffe sind weniger Wörter als ganze Begriffsfelder.

Drashta erörtert im Rahmen der Yogalehre den Zustand der Neutralität. Diese Neutralität bezieht sich auf körperliche Ausgeglichenheit, auf mentale Ruhe und emotionale Gelassenheit. Wenn auf allen drei Ebenen die Knoten des Lebens gelöst sind, entsteht im Körper-Geist-Seele-System des Menschen freier Raum für höheres Bewusstsein, für Empfindung von feinstofflichen Existenz-Dimensionen und Erleuchtungserfahrungen. Kurz: für Samadhi, dem Erwachen im wahren Sein.

Hier einige Begriffe rund um Drashta:

Drashta, auch Drasta, Drsta, oder Drishtri – der Sehende, der innere Zeuge als Teil deiner Persönlichkeit

Sashkin – das wirkliche, höhere, feinstoffliche Selbst, das neutral aus wertfreier Perspektive das Leben beobachtet

Innerer Denker – ein Teil des Verstands, der bewertet und Handlungen vorgibt, die meist unbewusst befolgt werden

Vielleicht ist es aber nicht so wichtig, welches Wort wir benutzen. Das Entscheidende ist, dass uns alle Möglichkeiten und Wege offenstehen, unseren Bewusstseinsgrad zu erhöhen, uns aus den Zwängen des bewertenden, dualistisch kategorisierenden inneren Denkers und Diktators zu befreien, um bereits vor dem körperlichen Tod in den Zustand höheren Bewusstseins einzutreten.

Es ist ja auch echt anstrengend, permanent alles in gut oder schlecht einzuordnen und danach wie blind zu agieren. Sehend zu bewerten, ist in bestimmten Situationen hilfreich, Zeuge von Leichtigkeit und Liebe zu werden ist schöner! Gut: Auch dies sind Bewertungen, weil wir dann letztlich doch noch an Sprachen und Wörter des Erdenslebens gebunden sind. Aber wenigstens Bewertungen, in denen ein bisschen Yoga-Himmel mitschwingt.

Fazit: Identifikation oder Desidentifikation?

Du kannst an Glück anhaften, danach süchtig werden, und du kannst aus Glück Leid erfahren, ebenso wie du Schwere und Leid anhaften kannst und danach süchtig werden, dich selbst zum Opfer deines Lebens zu machen. Über die Lebensjahrzehnte folgen beide Zustände im Kleinen wie im Großen mal rascher, mal langsamer aufeinander – diese Erfahrungswellen gehören schlicht zum irdischen Leben. Die Erde ist ein Trainingsplanet für Seelen, aber wir müssen nicht auf den körperlichen Tod warten, um unseren Lebenszyklus neutral zu betrachten. Wir müssen nicht lebenslang leiden. Wir können uns jederzeit dafür entscheiden, uns weniger oder gar nicht mehr mit dem Erlebten zu identifizieren. Wir dürfen den Rucksack mit dem angesammelten Zeug der Vergangenheit ablegen.

Der Weg des Yoga ist der Weg der Desidentifikation, der Loslösung aus den Dramen des eigenen Lebens und aus der Verstrickung der Dramen anderer Personen. Sind wir dadurch gefühlskalt oder egoistisch? Nein, weil Drama Ego ist. Und Ego süchtig ist nach Drama. Dein heiliges Herz ist warm, ist neutral und urvertrauensvoll – dort gibt es keine Dramen. Und auch im Zustand des inneren, neutralen Zeugen kannst du dich jederzeit dafür entscheiden, mitfühlend zu sein und zu helfen. Und kannst aus deinem reinen Herzen (statt mit wirrem Kopf) für deinen Lebensalltag weise Entscheidungen treffen.

Love, Light and Enlightenment
Birgit Feliz Carrasco

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