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Svadhyaya – die Kunst der Selbsterforschung
Xenia Bluhm

Svadhyaya – die Kunst der Selbsterforschung

Von Dana Pukowski
Svadhyaya bedeutet, sich selbst zu studieren, zu beobachten und dadurch Zugang zum eigenen inneren Kern zu erlangen. Sva bedeutet deine Seele, dein Selbst. Adhyaya bedeutet Studium. Es geht bei Svadhyaya, dem vierten Niyama aus dem yogaphilosophischen Standardwerk „Yoga Sutra” des Gelehrten Patanjali, also um nichts weniger als die Kunst der Selbsterforschung.

Reiz-Reaktionsmuster: Ein Beispiel für ein klassisches Desaster

Frankfurt am Main, 2008. Es regnet in Strömen. Im Stechschritt laufe ich zur U-Bahn. Wie alle anderen auch. In der U-Bahn zücke ich eines meiner wild blinkenden Mobilgeräte und versinke in die ersten unfassbar wichtigen E-Mails des Tages. Verstört blicke ich auf, als der Zug stehenbleibt, presche aus der U-Bahn in die S-Bahn. Ich bleibe stehen. Keine Zeit zum Sitzen. Lohnt sich nicht. Pausen bringen nichts. Finale. Ich renne in einer Traube von Leidensgenossen wie angestachelt die Rolltreppe hoch. Gefühlt rennen wir um unser Leben. Stehenbleiben ist keine Option. 


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Früher, bevor mich Yoga zu keinem besseren Menschen machte, bin ich wie eine stoische Dampflok durchs Leben gerammelt. Ganz ohne Selbstreflexion meinen unzähligen Reiz-Reaktionsmustern gefolgt. Schleife um Schleife latschte ich in dieselben Tretminen, durchlebte Kraft kostende Murmeltier-Situationen und Konflikte immer wieder, ohne jedes Bewusstsein dafür, warum. Vorwiegend zum Leid meiner selbst. 

Vielleicht kennst du das auch aus deinem Leben. Das Ergebnis bleibt dann natürlich immer gleich. Wir handeln blind, unbewusst, reaktionär, gespeist aus der Quelle von Erfahrungen, Mustern, Prägungen, entstanden aus Mangel oder Überfluss. Und unser unbewusstes Verhalten führt zu Verletzungen, negativen Gefühlen, Reaktionen, die wir selbst nicht und schon gar nicht unser Gegenüber einordnen können. 

Selbstreflexion: Lerne dich selbst zu beobachten und zu erkennen

Die gute Nachricht: Yoga hilft. Es lehrt ein Konzept, das den neutralen Beobachter in dir schult, deine eigenen Gedanken, Emotionen und Handlungen aus der Vogelperspektive zu betrachten. Aus dieser distanzierten Position heraus kannst du besser verstehen, welche Denk-, Gefühls- und Handlungsmuster dich beherrschen.

Mit einer regelmäßigen Yoga-Praxis setzt du diesen Prozess ganz von selbst in Gang. Nicht umsonst sagen Yogalehrer ja gerne, dass die Zeit auf der Matte ein Date mit dir selbst ist. Denn das ist es wirklich. Im geschützten Yoga-Raum kannst du dich schonungslos kennenlernen, deine Muster beobachten, deine Prägungen verstehen, deine Motive aufdecken. Über den langen Weg zur Achtsamkeit und Geduld schaffst du dir die Basis, deine Reiz-Reaktionsketten zu entblößen. Das klingt anfangs immer etwas unglaublich. Und doch: Mit der Zeit zeigt sich alles, du entblätterst dich Stück für Stück von ganz allein. Ein Striptease der besonderen Art – ohne aktives Zutun, nur wahrnehmen, zuhören, hinsehen.

„Mehr ist nicht zu tun, als nichts zu tun und zu beobachten.“ 

Eckhart Tolle

Und vielleicht die eine oder andere Frage stellen: Was war deine Intention? Wieso bist du hier? Was bereitet dir Schwierigkeiten? Welche Vorurteile flanken dein Leben? Welche Schubladen nutzt du, und was ist der Grund für ihr Entstehen? Was treibt dich an? Was bremst dich aus? Welches Gefühl dominiert gerade dein Handeln? Was steht hinter diesem Gefühl? Und dann die Antworten von ganz tief unten einfach kommen lassen.

Denn Selbsterkenntnis hat nichts zu tun mit Grübeln, Analysieren, Nachdenken, mit endlosen Gedankenschleifen, in denen du dich verhängst und verirrst, und semi-logischen Argumentationsmauern, hinter denen du dich doch wieder nur versteckst. Es ist ein Blick nach innen, ein Blick hinter die Kulisse. 

Deshalb ist es auch hoffnungslos,  Antworten auf diese Fragen im Außen zu suchen. Das ist ungewohnt, weil wir darauf konditioniert sind, Lösungen an der Oberfläche zu suchen. Aber wenn du beständig übst, wird dir die Zeit auf deiner Matte den Raum geben, die Antworten zu entdecken. Mit ihnen wirst du die wispernden Stimmen in dir, dein Engelchen, dein Teufelchen, zu einer Stimme harmonisieren.

Neben deiner Yoga-Praxis kannst du ja auch mal probieren, das folgende Mantra 108-mal zu sprechen oder zu singen – es ruft die Kraft an, die Erkenntnis schenkt:

Yoga Video Sarasvati-Mantra: Die Anrufung der Kraft, die Erkenntnis schenktYogaEasy-Video abspielen

Zugegebenermaßen ist nicht jedes Date mit dir selbst ein Hochgenuss. Aber hast du nur eine einzige Einsicht erlangt, die dir hilft, einen schmerzhaften Kreislauf zu durchbrechen, dann bist du dir selbst ein Stück nähergekommen. Schale um Schale fällt, dein innerer Wesenskern kommt zum Vorschein, dein wortloses Verstehen wird klarer und greifbarer. Na gut, das dauert. Deshalb verrate ich dir jetzt noch, dass du mit Hilfe von Svadhyaya deiner wahrhaftigen Lebensfreude begegnen kannst – und das ist doch mal ein wirklich guter Grund, sich zu bemühen.

Kontemplation: Eigenes Studium der alten Schriften

Svadhyaya bedeutet also, dass du dir deiner selbst bewusst bist, dein eigenes Denken und Handeln beobachtest und kritisch hinterfragst, wieder und wieder überprüfst. Ganz ohne Bezugspunkte schwirrst du aber irgendwann nur um dich selbst. Ein Brummkreisel braucht Orientierungspunkte, ansonsten trittst du eintönig auf der Stelle.

Gemäß der traditionellen Lehre sind Bezugspunkte vor allem alte Schriften. Das können die Yoga-Sutren, die Bhagavad Gita, die Veden, aber auch religiöse Texte wie die Bibel, der Koran oder die Upanishaden sein. Das eigene Studium von alten Texten, das Rezitieren der vedischen Schriften (ja genau: im Original!), ist ein wesentlicher Bestandteil der Lehre in Indien. Und zwar nicht das Lesen als intellektuelle, ideengeschichtliche oder als heilige Schrift, sondern vielmehr als philosophisch-spiritueller Text. Im traditionellen Sinne ist Svadhyaya also mehr als nur Selbsterforschung – es ist eine tiefe transformierende Kraft zur endgültigen Auflösung all deiner Begrenzungen.

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass eine sehnsuchtsvolle Auseinandersetzung mit alten Schriften – auch wenn du sie intellektuell nicht wirklich erfasst – ein Verständnis für Zusammenhänge schafft, die in meinen eigenen engen Grenzen überhaupt nicht möglich gewesen wären.

Das alles klingt in unserem westlich konditionierten Ohr nicht wirklich alltagstauglich. Du schlägst vermutlich gerade die Hände über dem Kopf zusammen und siehst dich morgens um 5 Uhr murmelnd unverständliche Mantras rezitieren. Egal, dass deine Lieben dich für verrückt halten – Hauptsache, du bist selbst auf dem Weg zur Erleuchtung!

Was bedeutet Svadhyaya für dein eigenes tägliches Leben?

Keine Sorge. Es ist wie immer im Yoga: Wir alle sind an einem individuellen Punkt gestartet, befinden uns an ganz unterschiedlichen Weggabelungen, haben uns für den traditionellen Weg oder für ein alltagstaugliches Gleichgewicht entschieden. Wo auch immer du gerade bist, stehst, die Bemühung allein, deinen inneren Diamanten Schicht um Schicht freizulegen, auch ohne das Lesen von alten Texten, wird dich befähigen, deine schmerzenden und hinderlichen Reiz-Reaktionsmuster aufzulösen.

Herzstück und Basis ist deine Yoga-Praxis, egal ob Meditation, Pranayama oder Asana-Praxis. Alles schafft Raum für Selbstwahrnehmung und -erkenntnis. Verknüpfst du das Betreten der Matte mit Fragen oder Intentionen, dann gibst du deiner Praxis zusätzlich einen Fokus, einen Sinn. Das ist absolut kein Muss. Probiere es einfach aus. Es gibt Tage, an denen hat sich deine Praxis vielleicht einfach nur gut angefühlt, physisch und emotional harmonisierend. Es gibt Tage, da wirst du von der Matte kriechen und zusätzlich mit der einen oder anderen Erkenntnis gesegnet sein. Je weniger du forderst, erwartest, möchtest, desto eher wirst du erkennen und bemerken, was dich vom Fliegen abhält.

Und wenn gerade gar nichts mehr geht, dann geht vielleicht diese Meditation von Sandra von Zabiensky, die dich zum Kern deines Seins führt:

Yoga Video Meditation: Become who you are – die Essenz des SeinsYogaEasy-Video abspielen

Weniger Ernst, dafür mehr Humor und ein wohlwollendes Lächeln sind gute Begleiter, wenn du dich selbst sezierst. Mit einer Portion Freude und Kopfschütteln kann das richtig herrlich sein. Wenn es gut läuft, stehst du irgendwann neben dir, schaust dich an, und ihr beide fangt an zu lachen.

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