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Dhyana oder: Die yogische Kunst des Loslassens
Fynn Jürgensen

Dhyana oder: Die yogische Kunst des Loslassens

Von Saskia Schmitz-Tietgen

Selbst die abgefahrensten Yoga-Asanas – von Karnapidasana bis Vrichikasana – sind dir ein Begriff. Mit Pranayama, den yogischen Atemtechniken, bist du auf Du und Du. Nur bei der Mediation fühlst du dich unsicher – und weißt irgendwie nie genau, was du da „machen“ sollst. Vielleicht hast du dich sogar schon mal dabei ertappt, wie du klammheimlich im Yogastudio während der Meditation in die Runde geblinzelt und dich gefragt hast: Was machen die anderen da gerade? Und was meint der Yogalehrer eigentlich, wenn er sagt „Und dann… lass loooos“?

Im Folgenden bringen wir Licht ins meditative Dunkel und erklären dir, was es mit „Dhyana“, dem Loslassen in der Meditation, auf sich hat.

Definition: Was ist Dhyana?

Der weise Yogi Patanjali, von dem dir dein Yogalehrer vielleicht schon erzählt hat, listet in seinen Sutren acht Stufen auf, die du meistern musst, um letztlich zur Erleuchtung, zur Glückseligkeit, zu gelangen:

  1. Yama: Richtlinien, wie wir uns in Bezug auf unser Umfeld verhalten sollten
  2. Niyama: Richtlinien, wie wir mit uns selbst umgehen sollten
  3. Asana: wie wir mit unserem Körper umgehen sollten – Körperübungen
  4. Pranayama: wie wir mit unserer Atmung umgehen sollten – Atemübungen
  5. Pratyahara: wie wir mit unseren Sinnen umgehen sollten – das Nach-innen-Ziehen der Sinne
  6. Dharana: wie wir unseren Geist bündeln können – das Fokussieren auf etwas, Konzentration
  7. Dhyana: wie wir loslassen können – die Meditation
  8. Samadhi: die vollkommene Erkenntnis, die Glückseligkeit

+++ Wenn du mehr wissen willst: Kristin Rübsamen hat einen anschaulichen Text über Patanjali und seine „Yoga Sutra” geschrieben. +++


Dhyana ist die siebte Stufe dieses achtgliedrigen Yoga-Wegs und gehört – zusammen mit Dharana (die Konzentration) und Samadhi (die Erkenntnis) – zu den drei Stufen der Meditation. Genau genommen ist Dharana das Fokussieren des Geists auf einen Punkt, um dann loslassen zu können und in Dhyana, die eigentliche Meditation, zu kommen. Samadhi ist der daraus resultierende vollkommene Glückszustand. T.K.V. Desikachar schreibt: „Dharana ist die Fähigkeit, unseren Geist auf einen Gegenstand auszurichten. Im Zustand von dhyanam sind alle Aktivitäten unseres Geists in einem ununterbrochenen Fluss nur auf dieses eine Objekt ausgerichtet.“¹


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Dhyana ist so einer der yogischen Schritte zur Kontrolle unseres Geists und die letzte Stufe vor der Erleuchtung, Samadhi. Die acht Stufen müssen nicht unbedingt nacheinander beschritten werden, sie verschmelzen vielmehr ineinander und beeinflussen sich gegenseitig. Trotzdem ergibt es zum Beispiel keinen Sinn, seine Mitmenschen gewaltsam zu behandeln (Ahimsa, die Gewaltlosigkeit, ist ein Teil der Yama, also der ersten Stufe), und sich mit dieser inneren Haltung an tiefer Meditation zu versuchen. Insofern stellt Dhyana eine fortgeschrittene Praxis dar. Oft wird auch gesagt, dass dieser Zustand mit Worten eigentlich nicht beschrieben werden könne, sondern dass man ihn nur selbst erfahren könne.

Auch der spirituelle Lehrer Osho hat sich zum Thema geäußert: „Im Osten wird Meditation anders verstanden als im Westen. Im Westen bedeutet Meditation Kontemplation, über Gott meditieren, über Wahrheit meditieren, über Liebe meditieren... Im Osten bedeutet Meditation etwas völlig anderes, es bedeutet genau das Gegenteil. Im Osten bedeutet Meditation, dass der Verstand kein Objekt hat, keinen Inhalt, nicht über etwas meditieren, sondern alles loslassen, neti, neti, weder dies noch das...“². Also auch hier: Dhyana als Zustand, in dem es keine Anstrengung, kein Bemühen, keinen Denkprozess mehr gibt, sondern reine, nicht bewertende Erfahrung, meditatives Gewahrsein im Fokus steht.

Der Fokus bei Dhyana liegt deshalb auf dem Loslassen. Hier soll nicht das Bemühen, etwas zu erreichen, im Vordergrund stehen, sondern das neutrale Betrachten einer Situation. Dhyana ist insofern tiefe Versenkung oder, anders formuliert, „die Fähigkeit, unseren Geist kontinuierlich in einer Verbindung mit dem, was wir verstehen wollen, verweilen zu lassen“³.

Kann ich Dhyana üben?

Während man bei den Stufen eins bis sechs des achtgliedrigen Yogapfads im Yoga Sutra des Patanjali ganz konkrete Handlungsempfehlungen bekommt, ist das beim siebten Schritt, Dhyana, nicht ganz so. Vielmehr sollen dich die anderen Schritte darauf vorbereiten, Dhyana und – ganz zum Schluss – Samadhi erfahren zu können.

Die Definitionen von Dhyana klingen erst mal sehr theoretisch und verkopft. Wenn du dich fragst, wie du dich diesem Zustand des Loslassens praktisch nähern kannst, ist die Antwort aber überraschend einfach: Praktiziere regelmäßig Yoga. Und zwar in allen seinen Facetten – das heißt, neben der Asana-Praxis auch eine Pranayama- und Meditationspraxis zu etablieren. Denn auch deinen Geist kannst du trainieren, und mit der Zeit wird es dir wahrscheinlich immer leichterfallen, deine Sinne nach innen zu ziehen und dich nicht mehr so sehr von dem ablenken zu lassen, was um dich herum passiert (Pratyahara).

Und es gelingt dir dann vielleicht, dich über einen längeren Zeitpunkt ganz auf eine Sache zu konzentrieren (Dharana) – konkret kann das deine Atmung sein, ein Mantra, ein Gegenstand wie zum Beispiel eine Meditationskette oder ein Mudra, also eine bestimmte Fingerhaltung, um einige Beispiele zu nennen. Passend zum Thema könntest du bei deiner Meditation das Dhyana-Mudra praktizieren (Anleitung siehe unten). Und vielleicht stellt sich irgendwann, ohne dass du danach gierst und dich unermüdlich anstrengst, ein Gefühl von Weite ein, ein Gefühl, in allem zu sein und doch an nichts anzuhaften. Wie sich das genau anfühlt, kannst nur du herausfinden.

Anleitung: Meditieren mit dem Dhyana-Mudra

Dhyana Mudra

„Mudras sind spezielle Körperhaltungen einschließlich genauer Finger- und Blickpositionen. Sie sorgen dafür, dass die in der Asana- und Pranayama-Praxis erzeugte Prana-Energie harmonisch durch den Energiekörper fließt“, erklärt Mark Stephens in seinem Buch „Yoga unterrichten“ (Seite 38). Es heißt, dass jede Fingerhaltung eine bestimmte Wirkung hat. Häufig werden den einzelnen Fingern auch bestimmte Qualitäten (zum Beispiel die der Elemente oder verschiedener Planeten) zugeschrieben.


+++ Mehr zum Thema Mudras findest du in unserem Artikel „Alles über Mudras: Ausführung, Wirkung, Tradition”. +++


Das Dhyana-Mudra soll dir dabei helfen, in einen ausgeglichenen, ruhigen und harmonischen Geisteszustand zu kommen, und dir so den Übergang in den Zustand des Loslassens erleichtern.

  • Für eine Meditation mit dem Dhyana-Mudra komm in eine bequeme Sitzposition. Nimm dir gern ein Kissen unter das Gesäß oder die Knie oder lehne dich an einer Wand an – so, dass dich in den nachfolgenden Minuten nichts an deinem Sitz stört und ablenkt, sondern du deinen Geist ganz der Meditation widmen kannst.
  • Nun legst du die rechte Hand in die linke – die Handflächen sind nach oben ausgerichtet und bilden eine Mulde, eine Schale. Beide Daumen führst du aneinander, sodass sich eine Art Dreieck bildet. Dann legst du die Hände entspannt in den Schoß.
  • Schließe deine Augen und beginne, dir im ersten Schritt alles bewusst zu machen, was um dich herum passiert – schärfe deine Sinne.
  • Komm allmählich vom Außen zum Innen (Pratyahara), schaue dir an, wie deine Atmung fließt, dein Brustkorb sich hebt und senkt und welche Gedanken dir in den Sinn kommen.
  • Bleibe schließlich bei einer Sache – zum Beispiel bei deinem Mudra. Nimm es wahr, richte deinen Geist darauf aus und kehre immer wieder zu ihm zurück, wenn dein Geist beginnt wegzuwandern (Dharana), was immer wieder passieren kann.

Es ist ganz normal, dass deine Gedanken abdriften und du plötzlich gedanklich beim Abendessen, beim Wocheneinkauf oder dem netten Typen von nebenan landest – gerade wenn du noch Meditationsanfänger bist. Wichtig ist hier: Stress dich damit nicht, mache es dir vielmehr bewusst und kehre zu deinem Fokus zurück.

Wenn du konzentriert bleibst, stellt sich vielleicht irgendwann der Zustand ein, in dem du ohne Mühe und Anstrengung ausgerichtet bleibst – Dhyana. Dharana und Dhyana scheinen oft gar nicht so klar und einfach voneinander getrennt werden zu können, sie können ineinander fließen, ineinander übergehen. Schau einfach, wie es bei dir ist – lass deine Erwartungen los.

Das Dhyana-Mudra soll übrigens an Buddha erinnern, der unter einem Feigenbaum zur Meditation gesessen haben und seine Hände in diesem Mudra gehalten haben soll. Also, mach es wie Buddha: Lass looooos!


Quellen:

  1. Yoga Sutra 2.29, Übersetzung: „Über Freiheit und Meditation - Das Yoga Sutra des Patanjali, Übertragung und Kommentar von T.K.V. Desikachar“, Seite 97
  2. Osho, The Dhammapada: The Way of the Buddha, Vol. 6, Talk #1
  3. Yoga Sutra 2.29, Übersetzung: „Über Freiheit und Meditation - Das Yoga Sutra des Patanjali, Übertragung und Kommentar von T.K.V. Desikachar“, Seite 78
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