Du verwendest einen veralteteten Browser (Unknown Browser 0.0) mit Sicherheitsschwachstellen und kannst nicht alle Funktionen dieser Webseite nutzen. Hier erfährst du, wie einfach du deinen Browser aktualisieren kannst.
Bikram Yoga
shutterstock

Yoga bei 40 Grad: Alles über Bikram Yoga

Von Dana Pukowski

Bikram Yoga ist eine Hatha-Yoga-Serie und besteht aus 26 Körperübungen, davon sind zwölf Standhaltungen, sieben liegende und sieben kniende Asanas. Praktizierst du Yoga, wirst du viele der Haltungen bereits kennen, wie etwa Trikonasana, das Dreieck, oder Garudasana, den Adler. Die Reihenfolge ist in allen Stunden identisch und spricht systematisch jeden Teil deines Körpers an. Es gibt keine Transitionen oder ausgleichenden Vinyasas, wie du es vielleicht vom Power Yoga kennst. Dafür beträgt die Raumtemperatur beim Bikram bzw. Hot Yoga unfassbare 40 Grad. Zwei Atemübungen ergänzen die Serie zu festen Zeitpunkten. Das Ganze dauert immer 90 Minuten, die sich gerne gefühlt wie Kaugummi ausdehnen.

Bikram Yoga: Heiße Angelegenheit und nichts für spirituelle Gemüter 

Erfinder und selbst ernannter Guru dieses Yogastils ist der Inder Bikram Choudhury (geboren 1946 in Kalkutta). Ende der 60er-Jahre hat er diese perfekt aufeinander abgestimmte Serie entwickelt, die ihn selbst nach seiner Knieverletzung wieder aufgepäppelt hat. Das Besondere beim Bikram Yoga ist wie schon erwähnt die schweißtreibende Raumtemperatur. Bikram wollte damit angeblich die Luftverhältnisse Indiens simulieren und so die Heilkräfte der Wärme mit Yoga verheiraten.

Embed from Getty Images

Populär geworden ist die strenge Hatha-Yoga-Serie in den USA, und vor etwa 15 Jahren ist die „Bikram-Welle“ auch in Deutschland angekommen. Hot Yoga wird vor allem als Kalorienkiller, als Yoga zum Abnehmen, vermarktet, weshalb die spirituelle Yoga-Szene nach wie vor stark mit der Akzeptanz des Stils kämpft. Hinzu kommen inzwischen bewiesene Vorwürfe sexueller Übergriffe, die den stark umstrittenen Guru Bikram Choudhury zu Fall gebracht haben. Dazu findest du bei Netflix die sehr gute Dokuserie „Bikram: Yogi, Guru, Raubtier”. Nur ein Grund, warum der Begriff Hot Yoga anstatt Bikram Yoga inzwischen von vielen Studiobetreibern lieber verwendet wird – sie möchten sich von dem umstrittenen Gründer des Stils distanzieren. Und trotzdem gibt es unzählige Yogi:nis, die auf die heilende Sequenz schwören. Was macht Hot Yoga eigentlich zu einem so einzigartigen Yogastil?

Die Besonderheiten des Hot Yoga

Schwitzen ist Programm: Der wichtigste Aspekt des Bikram Yoga ist die Raumtemperatur von 38 bis 40 Grad. Ungewohnt heiß, zumindest in unseren Breitengraden. Hinzu kommt eine Luftfeuchtigkeit von 40 bis 60 Prozent. Beides in Kombination führt dazu, dass dein Körper beim Üben der 26 Asanas rasant schnell schwitzt. Wirklich überall. Deshalb praktizieren die meisten Yogi:nis im Raum halbnackt auf einer rutschfesten Matte – und haben auch immer genügend Handtücher dabei.

Du wolltest schon immer mal in deinem eigenen Saft baden? Das ist deine Gelegenheit. Schweißperlen rollen dir permanent über dein Gesicht, tropfen erbarmungslos auf den Boden. Jede einzelne kitzelt dich, lenkt dich ab, stört dich oder treibt dich in den Wahnsinn? Großartig. Ein wunderbares geistiges Wachstumsfeld. Über die Zeit wirst du lernen, es laufen zu lassen. Was es bringt? Zunehmende Akzeptanz und Gleichmut, wohlig aufgewärmte Muskeln, Bänder und Sehnen sowie ein Gefühl von Reinigung und Entschlackung.


Herz über Kopf: Umkehrhaltungs-Programm mit Lucie Beyer
Die Umkehrhaltungs-Expertin Lucie Beyer zeigt dir in unserem viertägigen Programm alles, was du wissen musst, um Schulterstand, Kopfstand, Unterarmstand und Handstand erfolgreich zu meistern. Stell deine Welt auf den Kopf und melde dich jetzt für das Umkehrhaltungs-Programm an!
JETZT ANMELDEN

Du wirst überrascht sein, Bikram-Yoga-Studios sind einheitlich mit Spiegeln tapeziert und maximal hell ausgeleuchtet. Spiegel dienen der Selbstkontrolle und erinnern definitiv mehr an ein Fitness- als an ein Yogastudio. Schwierig, eine Verbindung zu unserem Inneren aufzubauen, wenn uns gleichzeitig unsere körperlichen Defizite auf dem Präsentierteller serviert werden? Streng genommen ist es aber auch die höhere Stufe in Sachen Selbstliebe, denn aus dem Ei gepellt ist hier nach fünf Minuten Yoga-Praxis niemand mehr. Gleichzeitig gewinnst du einen geschulten Blick für deine eigene Körperhaltung und die Möglichkeit, dich selbst zu korrigieren. 90 Minuten Blickkontakt mit dir selbst können durchaus ein Schritt in Richtung mehr Körperakzeptanz sein.

Embed from Getty Images

Du suchst Abwechslung, liebst Kreativität und Dharma Talk? Hot Yoga steht für das Gegenteil: Wiederholung, Klarheit, Sicherheit. Die Reihenfolge der Übungen ist immer gleich. Es gibt pro Stunde zwei Sets jeder Asana. Weltweit bekommst du überall dasselbe. Keine Überraschungen. Bikram Yoga ist daher auch für Anfänger geeignet. Die Wiederholung bietet Neu-Yogi:nis größtmögliche Sicherheit und allen anderen maximalen Raum für Eintönigkeit. Schon wieder so ein spannendes Wachstumsfeld. Denn erst wenn die Langeweile beginnt, wird es richtig spannend im Yoga. Warum du trotzdem dran bleibst? Durch die ständige Wiederholung sind Fortschritte schnell erkennbar – und vor allem in kurzer Zeit spürbar und sichtbar. Grandios.

Nur zertifizierte Bikram-Yogalehrer:innen dürfen Hot Yoga unterrichten. Ihre verbalen Anleitungen sind detailliert und präzise. Die Tonalität erinnert allerdings – anders als du es vielleicht vom Hatha oder Yin Yoga kennst – eher an eine Militärparade. Die Stimme klingt streng, aber klar. Die Begrüßung ist knapp und resolut. Es gibt keine Assists, dafür sind Bikram-Lehrer:innen Meister:innen in knappen, fordernden Ansagen. Wenn es gut läuft, wird dein Name durch den Raum gebrüllt, und zack bist du eine Stufe tiefer in der Asana.

Bikram Yoga: Die Bedeutung von Wärme

Hot Yoga erwärmt deinen Körper nicht nur durch die Asanas von innen, sondern zusätzlich von außen. Hitze hat eine heilende Wirkung. Unser Körper selbst reagiert auf Infektionen mit Fieber, um Krankheiten zu heilen, und auch viele Verletzungen werden mit Wärme behandelt, um den Heilungsprozess zu unterstützen. Egal ob heiße Vollbäder, warme Fango-Packungen oder stark erhitzende Sauna-Gänge – Wärme entspannt den Körper und löst Verspannungen. Warum also nicht Yoga mit Wärme kombinieren?

Embed from Getty Images

Die hohe Raumtemperatur beim Bikram Yoga ermöglicht dir ein wesentlich tieferes und intensiveres Dehnen. Zudem schenkt sie dir ein wohltuendes Gefühl. Immer wenn du den Raum betrittst, ist es, als ob dich jemand umarmt und mit offenen Armen empfängt. 

Hot Yogi:nis schwören vor allem auf den reinigenden Detox-Effekt. Durch das erhöhte Schwitzen entgiftet der Körper, und die hohe Temperatur verbessert deine Verdauung. Generell ist wissenschaftlich nichts davon bewiesen, was aber oft nur bedeutet, dass eben diese Studien noch nicht existieren.

Die Wirkungen von Bikram Yoga auf einen Blick

Physisch gesehen, werden die Wirkungen von Yoga durch den Wärme-Effekt verstärkt. Mental ist vor allem der Aspekt der Hitze ein enormes Widerstandsfeld, das ganz bestimmte Qualitäten stärken kann. 

1. Körperliche Effekte:

  • verbessert dein Körperbewusstsein und fördert deine Körperakzeptanz
  • erhöht deine gesamte Beweglichkeit und Flexibilität 
  • stärkt die gesamte Muskulatur, insbesondere deine Rückenmuskulatur
  • stärkt das Immunsystem durch Anregung deines Herz-Kreislauf-Systems
  • verbessert die gesamte Durchblutung deines Körpers
  • regt den Stoffwechsel an und damit die Verbrennung von Glukosen und Fettsäuren
  • reguliert bei regelmäßiger Praxis das Körpergewicht (Du verbrennst etwa 700 Kalorien pro Session.)
  • durchwärmt chronisch kalte Füße und Hände
  • lindert Gelenk-, Rücken- und Nackenschmerzen

2. Psychische Effekte:

  • bündelt deine Gedanken und fördert die Konzentration
  • hilft beim Stressabbau und „Reset“ vom Alltag
  • stärkt dein Vertrauen und Selbstbewusstsein 
  • fördert besonders deine Willenskraft und Entschlossenheit
  • verbessert erheblich deine Widerstandskraft („Stressresistenz“)

Meine erste Hot-Yoga-Stunde: Willkommen im Spiegelkabinett der Gnadenlosigkeit 

Du bist leidenschaftliche Yogi:ni und hast noch nie ein Bikram-Yogastudio betreten? Kein Problem, ich nehme dich mit:

Stell dir vor, du betrittst an einem eisigen Winterabend ein nicht ganz so taufrisches Yogastudio. Nachdem ich liebevoll bürokratisch eingenordet wurde, erklimme ich leichtfüßig die steile Wendeltreppe in den Dachboden. Kaum angekommen, wird aus Nervosität gesunder Respekt. Heiße Angelegenheit, meine Lieben. Es sind unfassbare 40 Grad im Raum. Ich lege mich direkt mal hin. Kaum hingelegt, entscheide ich mich doch noch einmal, kurz frische Luft zu schnappen.

Das zweite Mal Wendeltreppe ist nicht mehr so leichtfüßig. Wieder hingelegt, weil machen alle. Während ich ahnungslos in meiner vollen „Yoga-Hipster-Montur“ schon mal vor mich hin schwitze, liegt der Rest der Yogi:nis gefühlt mit nichts oder Badehose rum. Ist mir jetzt alles egal. Mein Mantra: Atmen. Ist doch nur Yoga. Yoga bei 40 Grad Raumtemperatur und 40 Prozent Luftfeuchtigkeit. Extreme Bedingungen. Ist das dann noch Yoga? Der schwache philosophische Gedanke ist kaum da, da zieht er auch schon weiter. Gedankenketten adieu.

Und zack, ist sie da. Die „Bikram-Vorsteherin“. Mit einer unglaublich klaren, fordernden aber durchaus individuellen Ansprache treibt sie uns durch 26 Haltungen. Ihre Präsenz ist grandios. Pure Yang-Energie. Bewusst lege ich den Schalter auf Überleben um. Irritierend, der Blick in den Spiegel. Da sehe ich mich nun. Knallrot, triefend nass, konzentriert, etwas bangend, aber noch durchaus amüsiert. Kleiner Tipp: Immer wenn du selbst vollkommen am Ende bist, einfach mal zum Nachbarn schauen.

Nach 15 Minuten wünsche ich mir nichts sehnlicher, als dass der Eisverkäufer kommt. Kommt keiner. Nach 45 Minuten freue ich mich auf den Bodenteil. Am Bodenteil angekommen, wünsche ich mir den Standteil zurück. Nach 90 Minuten frage ich mich, ob ich mich verzählt habe.

Ende. Ich sammel drei klatschnasse Handtücher ein, klettere umständlich als Allerletzte die Wendeltreppe runter und trotte erschöpft, glücklich und befreit nach Hause. 

Embed from Getty Images

Für wen ist Bikram Yoga geeignet?

Die Herausforderung am Bikram Yoga ist für Jung und Alt gleich. Ein schöner Aspekt. Du kannst als Anfänger:in und Fortgeschrittene:r an einer Hot-Yoga-Stunde teilnehmen – Vorkenntnisse sind nicht erforderlich. 

Bikram Yoga ist aber trotzdem nicht für jedermann geeignet, denn die Hitze ist eine enorme Belastung für dein Herz-Kreislauf-System. Leidest du unter niedrigem oder zu hohem Blutdruck, ist das nicht der richtige Yogastil für dich. Wenn du schwanger bist, auch nicht.

Es fühlt sich grundsätzlich jedes Mal aufs Neue an wie ein Extremsport, und du solltest sehr achtsam und wohlwollend mit dir selbst umgehen – auch wenn die/der „Bikram-Vorsteher:in“ alles dafür tut, dich durch die Yogastunde zu treiben. Schwindelattacken sind keine Seltenheit. Über die Zeit akklimatisierst du dich, und dein Körper gewöhnt sich tatsächlich mehr und mehr an die extremen Bedingungen im Raum.

Dos and Don‘ts beim Bikram Yoga

  • Outfit-Wahl: Vermeide alle Kleidungsstücke, die weit und weiß sind. Entscheide dich tapfer für Bade- oder Sportklamotten, gerne im 90er-Jahre-Stil.
  • Viel Wasser: Ohne Unmengen von Wasser geht’s nicht. Trinke immer, wenn der/die Lehrer:in es anweist. Zwei Liter sind Pflicht.
  • Wäsche satt: Du brauchst unfassbare drei Handtücher. Ein Handtuch liegt auf deiner rutschfesten Matte. Mit dem zweiten wischst du dir ständig die Suppe aus dem Gesicht. Nach dem Duschen freust du dich dann auf das dritte Handtuch.
  • Nicht zu viel essen: Vermeide üppige Mahlzeiten vor der Stunde. Lieber ein, zwei Nüsschen oder eine halbe Banane als Energie-Booster.
  • Kein Date: Vermeide jede Art von Verabredung nach einer Bikram-Yoga-Stunde. Du bist erschöpft, klatschnass und vermutlich kein guter Gesprächspartner.

Fazit: Yoga findet beim Bikram bzw. Hot Yoga stark auf körperlicher Ebene statt und hat trotzdem – aufgrund wunderbarer geistiger Wachstumsfelder – Anspruch darauf, Yoga zu sein. Es ist eine besondere Erfahrung, die mit der nötigen Achtsamkeit und der Fähigkeit zur Selbsterforschung mehr als nur ein Cardio-Training ist. Viel Spaß beim Ausprobieren, und nicht vergessen: Pack die Badehose ein!

zurück nach oben