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Attachment: Lass mal deine Anhaftung los!
Brooke Cagle auf Unsplash

Attachment: Lass mal deine Anhaftung los!

Von Katharina Goßmann

Vor Jahren besuchte ich ein buddhistisches Kloster in England. Einer der angebotenen Vorträge behandelte das Thema der Anhaftung (englisch: „attachment”). Während es in der wunderschönen Schlossanlange ansonsten spirituell sanft zuging, flogen während der darauffolgenden Diskussion die Fetzen: Eine Mutter fragte, ob Eltern – laut buddhistischer Philosophie – etwa auch den Tod ihres Kindes gelassen nehmen sollten!? Der Vortragende fand: schon (wenigstens theoretisch), die Mutter und etliche andere Zuhörer konnten da so gar nicht mitgehen.

Definition: Was bedeutet Anhaftung?

Und schon sind wir mitten im größten Missverständnis rund um das Thema Anhaftung. Denn in der Populärkultur wird häufig ein sehr verkürztes Konzept von Attachment verbreitet. Um zu verstehen, woher das schlechte Image der Anhaftung kommt, müssen wir uns der buddhistischen Philosopie zuwenden, speziell den „Vier edlen Wahrheiten”: 

  1. Die erste edle Wahrheit, „Dukha”, wird meist mit „Alles Leben ist Leiden” übersetzt.
  2. In der zweiten edlen Wahrheit, „Samudaya”, wird Anhaftung als eine der Hauptursachen für dieses Leiden genannt. 
  3. Und die dritte edle Wahrheit, „Nirodha”, verspricht, dass nur glücklich wird, wer sich von Begehren und Anhaftung befreit.

Betrachtet man diese grundlegenden Glaubenssätze des Buddhismus, scheint es, als würde Anhaftung sich ausschließlich negativ auf unser Leben auswirken. 


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Tatsächlich ist das Konzept der Anhaftung aber etwas komplexer.

Das beginnt schon bei der Prämisse, dass alles Leben Leiden sei. Im Buddhismus heißt es tatsächlich, dass „Upadana” – was häufig als „Anhaftung an Dinge“ übersetzt wird, die Ursache für „Dukha” sei – was oft mit „Leiden” übersetzt wird. Nun sind aber Übersetzungen aus dem Sanskrit schon immer Anlass für Diskussion gewesen. Hinter vielen Sanskrit-Begriffen verstecken sich Konzepte, die – vor allem für das westliche Denken – nicht adäquat mit einem Begriff übersetzt werden können. Nicht umsonst gibt es etliche Bücher, die etwa Patanjalis kurze Yogasutra auf mehreren Hundert Seiten auslegen. 

So heißt „Upadana” wörtlich übersetzt „Treibstoff”, und „Dukha” wird von vielen Buddhisten eher als Gefühl der Unzufriedenheit definiert. Und zwar Unzufriedenheit, die entsteht, wenn Menschen sich getrennt vom Rest der Schöpfung erleben. In dem also das Konzept eines „Ich”, eines „Selbst”, das Gefühl der Verbundenheit mit allem, was ist, überlagert. Aus diesem Gefühl der Trennung entstehen dann weitere Ursachen für das menschliche Leiden: „Trishna” (wörtlich: der Durst), also das Verlangen, die Gier – und zwar nicht nur nach Dingen, Menschen und Zuständen, sondern auch im Sinne des Festklammerns an Vorstellungen, Lehren, Meinungen und Glaubenssätzen. 

Die Anhaftung und ihre schrecklichen Folgen

Leider wird diese Form der Habgier und der Anhaftung von unserer Gesellschafts- und Wirtschaftsform gefördert: In der Werbung und in den sozialen Medien wird uns ständig präsentiert, was wir noch brauchen oder erreichen müssen und wie wir auszusehen haben, um glücklich zu sein. Und dank Internet-Journalismus, Kommentarfunktion und Filterblase denkt mittlerweile jeder, die eigene Meinung müsste nicht nur so häufig wie möglich wiederholt werden, sondern auch in immer abwertender Weise an alle, die nicht derselben Meinung sind, weitergegeben werden.

Und so denken wir den ganzen Tag darüber nach, wie schön das Leben wäre, wenn wir dünner wären, verbringen unsere Zeit mit Shoppen, um genauso auszusehen wie Influencer X, „verlieben” uns in Menschen, die wir kaum kennen, laufen Macht, Status und Geld nach und klammern uns wie Ertrinkende an unsere Weltsicht. 

Die Folgen dieser Art von Anhaftung sind (ich würde es gerne milder ausdrücken): verheerend. Statt den aktuellen Moment zu leben, statt im Hier und Jetzt anwesend zu sein, uns und alles um uns herum zu fühlen, verbringen wir unsere Tage in unserem Kopf: Der grämt sich über vergangene Schmach und verpasste Chancen, träumt von zukünftigen Ruhmestaten und Glückszuständen oder treibt uns dazu, unsere Zeit mit der Perfektionierung unserer äußeren Maske (Körper, Wohnung, Social-Media-Kanal etc.) zu verbringen.

Da dieser Zustand aber für uns alle (s. Dukha) mindestens unzufriedenstellend ist (für viele unerträglich), versuchen wir, die innere Leere mit Essen, Tinder-Dates und einem vollen Terminkalender zu füllen oder uns mit Netflix, Smartphones und Co. abzulenken. Und obwohl wir ständig von Menschen umgeben sind, fühlen uns immer einsamer, isolierter. Denn die Momente, in denen wir eine wirkliche Verbindung mit anderen fühlen, sind für viele Menschen rar gesät.

Wie kann ich Anhaftung überwinden?

Falls du dich gefragt hast, was denn die vierte edle Wahrheit ist, hier kommt sie:

  • Der Mensch kann sich von dieser Art von Anhaftung und Habgier befreien, wenn er dem edlen achtfachen Pfad folgt, also den buddhistischen Ritualen und Lebensregeln.

Nun möchte ich hier nicht allzu tief in die komplexen Praktiken des Buddhismus einsteigen, das würde den Rahmen dieses Artikels sprengen. Tatsächlich ist es aber so, dass sich viele der buddhistischen Regeln mit denen des achtgliedrigen Pfads nach Patanjali decken, also den yogischen Empfehlungen für den Weg zur Erleuchtung.

Als konkrete Beispiel lassen sich hier nennen:

Übung: Nimm deine Leben unter die (Meditations-)Lupe

Meditation ist das verbindende Element aller spirituellen Traditionen und erwiesenermaßen die effektivste Methode, um Klarheit im Geist zu gewinnen und so in Kontakt mit dem tiefsten Inneren zu kommen. Deshalb stellen wir dir hier eine spezielle Meditation vor, die dir klarer macht, warum du dich an bestimmte Werte o. Ä. klammerst – und was dagegen wirklichen Wert für dich hat:

  1. Schreibe eine Liste von allem, was dir wichtig ist. Das kann deine Katze sein, dein Auto, dein Job – ganz egal.
  2. Dann schreibe daneben, was genau es ist, was diese Person, diese Sache, diesen Zustand so wertvoll und erstebenswert für dich macht.
  3. Um eine noch klarere Vorstellung davon zu bekommen, was du für Werte in deinem Leben verfolgst, kannst du auch die Liste nach Priorität ordnen oder die Punkte der Liste in Gruppen sortieren.
  4. Frage dich jetzt bei jedem einzelnen Punkt, ob dir die betreffende Sache wichtig ist, weil sie in sich etwas trägt, das du als angenehm, wohltuend, beglückend empfindest, ob du dich verbunden und bei dir fühlst, wenn du mit diesem Menschen oder in diesem Kontext bist. 
  5. Wenn du damit fertig bist, setze dich in einen bequemen Meditationssitz, lege die Liste vor dich hin und schließe dann die Augen.
  6. Frage dich jetzt, welche dieser Dinge DU WIRKLICH IN DEINEM LEBEN HABEN WILLST – und welche dir sogar eher schaden.
  7. Konzentriere dich für einige Minuten nur auf deine Atmung und gib deinem Inneren Zeit, die Frage zu beantworten.

Bindung vs. Anhaftung: Die Komplexität der menschlichen Beziehung

Wie bereits erwähnt: Wenn du in jemanden verliebt bist, den du kaum kennst, dann handelt es sich vermutlich um Anhaftung im schädlichen Sinne. Was aber ist mit den Menschen in unserem Leben, die uns schon lange begleiten, mit denen wir täglich Zeit verbringen, mit denen wir zusammenleben, die wir, da sind wir uns sicher, lieben? Sind solche Beziehungen auch nur Anhaftung im schädlichen Sinne?

Eines ist klar: Wenn dein Partner dich nach 25 gemeinsamen Jahren verlässt, wirst du leiden. Ja, viele Eltern leiden sogar schon, wenn ihr Kleinkind eine schlimme Erkältung hat. Wäre es also besser, wir würden unser Herz nicht an Menschen binden (wie es so schön heißt)?

Tatsächlich wird das psychologische Konzept von „attachment” auf Deutsch nicht mit „Anhaftung”, sondern mit „Bindung” übersetzt. Vielleicht hast du schon von der Attachment Theory nach Bowbly gehört. Denn im Rahmen der Entwicklungspsychologie ist der Wunsch nach intensiven zwischenmenschlichen Bindungen nicht nur eine natürliche Tendenz eines jeden Menschen, sondern sogar eine Grundvoraussetzung für die normale Entwicklung von Kindern.

Wir Menschen können uns kaum unserem sozialen Wesen entziehen, zu tief ist der Wunsch nach Gemeinsamkeit und Verbindung in uns angelegt, zu sinnvoll ist diese Bindung für unser biologisches Überleben. Und kaum einer von uns kann ganz ohne Bindung leben – wenn nicht an einen Menschen, dann eben an ein Tier. Gerade in einer Zeit und einer Gesellschaft, die uns in Isolation und Einsamkeit drängt, in der sich Familienstrukturen auflösen, gibt es kaum Wichtigeres als echte, tiefe Bindungen. Gerade wegen ihrer Komplexität, gerade deswegen, weil wir uns einer echten Liebe nicht entziehen können, sondern weil eine echte Bindung uns dazu bringt, wirklich zu wachsen und das Leben in allen Facetten zu erleben – von den höchsten Glücksgefühlen bis zur tiefsten Trauer.

Beim Auflösen von Anhaftung kann es nicht darum gehen, dass wir uns nicht mehr an Menschen binden – sondern um die Auflösung der egozentrischen Erwartungshaltung, was uns aufgrund dieser Bindung zusteht. Denn wir haben keinerlei Anspruch darauf, dass die Menschen, die wir lieben, sich so verhalten, wie wir das am besten finden, dass sie uns nie verletzen und lebenslang erhalten bleiben.

Echte Liebe können wir genau daran erkennen, dass wir sie leben können, ohne uns wie beleidigte Kinder zu benehmen. Dass uns das Glück des Geliebten so wichtig ist wie das eigene. Dass wir lieber verstehen, vertrauen und vergeben, als zu beschuldigen, zu verurteilen und zu maßregeln. Jeder Tag, den wir der echten Liebe widmen – einer Liebe ohne Anhaftung, zu unseren engsten Familienmitgliedern und Freunden, aber auch jedem anderen Wesen, das uns begegnet – wird ein guter sein. Denn Liebe ist der schönste Weg zurück zur Verbundenheit.

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