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Anonyme Hygieniker
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Anonyme Hygieniker

Von Kristin Rübesamen

Du kannst es ruhig zugeben, wir sind ja hier unter uns: Dir geht's ähnlich. Ich habe einen kleinen Putzfimmel. Ich kann das hier schreiben, ohne mit Repressalien rechnen zu müssen, denn die meisten von uns haben einen kleinen Hau, was Hygiene betrifft. Eine sauber ausgewischte Ecke, eine spiegelnde Spüle, ein frisch polierter, matt im Kerzenlicht schimmernder Holztisch lösen tiefe Befriedigung in uns aus. Ich habe dann das Gefühl, die Sache im Griff zu haben. Die Sache, sprich: die Gefühle.

Verordnete Hygiene dagegen löst einen natürlichen Protest aus. Na ja, was heißt schon natürlich? 

Bevor wir brav Patanjali konsultieren, ein rascher Blick in die Geschichte: Verordnete Hygienemaßnahmen fühlen sich für uns wie ein Ausnahmezustand an, sind aber längst nicht neu. Seit dem 18. Jahrhundert wissen Politiker, dass es einen Zusammenhang zwischen der Gesundheit der Bürger und der Wirtschaftsleistung eines Staats gibt. Der Staat hat also ein vitales Interesse daran, die Gesundheit seiner Bevölkerung und jedes Einzelnen zu garantieren, und rechtfertigt jetzt gerade mit dem Argument des Ausnahmezustands, sprich: der Pandemie, seine Einschränkungen und Maßnahmen. 

Biopolitik: Warum interessiert sich der Staat für mich?

Im 18. Jahrhundert wurde aus einem Volk von Untertanen eine Bevölkerung, die sich auszeichnete durch eine bestimmte Sterblichkeitsrate, Geburtenrate, Lebensdauer, Gesundheitszustand und vieles mehr. Diese Daten ermöglichten es dem Staat, erklärt der französische Historiker Michel Foucault, seinen zentralen Reichtum und seine wichtigste Ressource zu verwalten: die Bevölkerung. Jedem Einzelnen wurde in der Folge die Gesundheit und Pflege seines Körpers als moralische Aufgabe anempfohlen. Welches Interesse wiederum die moderne Medizin an kranken Menschen habe und ob dieses Interesse nicht viel größer sei als ihr Interesse an gesunden Menschen, wurde und wird seit den 70er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts heftig diskutiert. In allen Wohnzimmern lag er herum in meiner Jugend, ein jeder besaß den fetten Bestseller und kritischen Ratgeber „Bittere Pillen“ von Ivan Illich über Nutzen und Risiken der Arzneimittel.

Für einen differenzierteren Blick plädierte Foucault und erfand für die Kopplung von Gesundheit und Ökonomie den Begriff der „Biopolitik“, mit dessen Erwähnung man heute auf jeder halbintellektuellen Dinnerparty Applaus einheimsen könnte – wären sie denn erlaubt, die Partys. Während es ab dem 18. Jahrhundert Aufgabe des Staats war, sich um die physische Gesundheit seiner Bürger zu sorgen und damit um ihren Einsatz als Soldaten oder Arbeiter, rückte ab Mitte des 20. Jahrhunderts die Verantwortung des Staats für die Gesundheit jeden Einzelnen ins Zentrum – als eines Individuums, das sich an bestimmten Normen zu orientieren lernen musste.

Wenn wir also auf die Matte treten, dann tun wir das als Heike und Doris und Günther und Axel, weil wir etwas für unseren Körper und unseren Geist tun wollen. Wir tun es aber auch, weil wir eine Verpflichtung dazu verspüren, gesund zu sein, auch wenn sie sich nicht als staatsbürgerliche Verpflichtung fühlt, weil wir sie längst verinnerlicht haben. Egal, wie viel rebellischer Geist und Aufbegehren in Kriegerhaltungen und Rückbeugen schlummern mag (und ich bin der größte Fan davon): Richtig rebellisch wäre es, auf seine Gesundheit zu pfeifen.


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Was sagt Patanjali zur Hygiene?

Patanjali ordnet seinen Begriff von „Saucha”, den wir jetzt provokant mit Hygiene übersetzen, an den Anfang seiner Niyamas, die als Regeln für unser Alltagsverhalten gelten können. Danach kommen Zufriedenheit, Selbstdisziplin und Hingabe. Ich verstehe diese Reihenfolge so, dass Hingabe am wichtigsten ist. Trotzdem geht es nicht ohne „Reinheit“, ein Wort, das in unseren Ohren die schlimmsten Assoziationen an den Nationalsozialismus weckt (oder, ok, ein weniger tiefer gehängt, an Mr. Propper und damit, hier käme jetzt Freud ins Spiel und irgendwelche Trieb- und Affektregulierung, bitte eigenständig googeln). Wenn wir diese „Reinheit“ allerdings in einer modernen Übersetzung begreifen, ist die Regel einleuchtend:


Patanjali Yoga Sutra 2.40:

शौचात् स्वाङ्गजुगुप्सा परैरसंसर्गः
śaucāt svāṅga-jugupsā parairasaṁsargaḥ

Am Körper, in den Gedanken und in der Sprache nie unrein zu werden, lehrt großen Abstand.


Klingt doch gut, auch wenn ich den Verdacht habe, dass Patanjali im Hinblick auf alles Vergnügliche, was wir mit dem Körper neben Meditieren machen können, wenig Spaß verstand.

Hm, und was das überhaupt heißt, unrein in der Sprache? WTF? Quatsch, AHA.

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